Hände weg von Schlaflernprogrammen!

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Sogenannte Schlaflernprogramme für Babys und Kleinkinder gibt es einige. Sie sind zwar umstritten, werden aber immer noch häufig angewandt. Es handelt sich dabei meist um Ratgeber, Bücher, Workshops und auch Online-Kurse, die behaupten, dass Eltern das Schlafen ihres Babys beeinflussen und trainieren können. Wenn man nur die Anweisungen befolgt, hat man innerhalb weniger Tage ein Baby, das 12 Stunden friedlich schlummert. Viele Schaflernprogramme setzen darauf, dass das Baby nicht schreien muss. Hört sich doch auch gut an, oder?

Statt Schreien, wird hier auf Zuwendung und aktives, sanftes Trösten gesetzt. Das Kind ist nicht alleine, es erfährt durch aktiven Trost Sicherheit, den es für das Schlafen braucht. Soweit, so gut.  Entwickler der unterschiedlichen Programme machen den übermüdeten und verzweifelten Eltern die Hoffnung, dass ihr Kind ab dem 6. Lebensmonat (!) 12 Stunden durchschlafen kann. 12 Stunden! Mit 6 Monaten! Wer wenig Schlaf bekommt und verzweifelt ist, zückt bei dieser sanft klingenden Methode gerne die Kreditkarte. Aber ist es wirklich so „harmlos“ wie es scheint?

Schlaf aus Sicht der Evolution: Gefressen oder vergessen werden

Was brauchen Kinder um zu schlafen? Sie wollen satt sein, sie wollen es warm haben und sie wollen müde sein. Aber auch wenn diese Bedingungen erfüllt sind, klappt es mit dem Einschlafen nicht so wirklich. Es kommt nämlich noch etwas dazu: Babys wollen beim Schlafen nicht alleine sein. Wenn es ums Schlafen geht, aktiviert ein Baby sein Bindungssystem und damit ist klar: Schlafen ist ein Gemeinschaftsprojekt. Das war es schon immer. Ein Blick in die Menschheitsgeschichte genügt: 99% unserer Geschichte waren wir als Jäger und Sammler unterwegs in einer Welt mit Gefahren. Besonders im Schlaf, wenn wir die Kontrolle über unsere Sinne und unseren Körper abgeben, war die Gefahr besonders groß, gefressen oder vergessen zu werden. Kein Wunder, dass es Babys  da instinktiv nicht so leicht fällt, einfach die Augen zu schließen und zu schlafen, wie auf Knopfdruck. Schlafen funktionierte gemeinschaftlich schon immer besser als alleine –  das kennt jeder, der nur schlecht einschlafen kann, wenn die andere Betthälfte leer ist. Wären Babys also einfach in die Tiefschlafphase abgedriftet, und das gleich für 12 Stunden, alleine, wären sie wohl schnell zu einem Mitternachtssnack geworden.

Natürlich kann man an dieser Stelle einwenden, dass es heute um die Gefahren in der westlichen Welt nicht mehr so bestellt ist wie „damals“. Das ist richtig, aber: Unsere Babys, die heute geboren werden, wissen das nicht. Die Evolution kann nicht so einfach überschrieben werden, es ist ein Prozess. Babys werden heute mit denselben Instinkten geboren wie unsere Steinzeitvorfahren. Daher kann und darf diese Sicht nicht außer Acht gelassen werden, wenn wir vom Babyschlaf sprechen und der Frage, wann Babys durchschlafen müssen/sollen/können.

Die Besonderheiten am Babyschlaf

Babys wachen nachts oft auch. Diese Eigenschaft liegt in der Natur eines kleinen Menschen (und übrigens wachen auch wir Erwachsene nachts auf). Babys fühlen sich nachts ohne die Nähe ihrer Eltern schutzlos und sie benötigen nachts Nahrung.

Jedes Baby ist anders. Klar freuen sich Eltern, wenn sie ein Baby erwischt haben, das schon mit wenigen Wochen durchschläft. Welche Eltern freut das nicht! Wenn das Kind in den ersten Lebensjahren allerdings nicht durchschläft, ist das nicht ungewöhnlich.

Was sind also die Besonderheiten am Babyschlaf?

  • Babys brauchen aber nicht nur Begleitung und Nähe, sie brauchen auch Entspannung. Der Schlaf kommt nicht, wenn das Baby angespannt ist, wenn es nicht entspannen kann. Es muss loslassen können. (Und ein schreiendes Baby ist wohl alles andere als entspannt, oder?)
  • Und noch eine Besonderheit hat der Babyschlaf: Babys essen nachts. Warum? Im ersten Lebensjahr wird sich ihr Gehirnvolumen verdoppeln. Es muss also aufholen und braucht dazu nachts auch Nahrung. Bis zum dritten Geburtstag verdoppelt sich das Gehirn dann noch einmal – das ist eine Höchstleistung, die Kinder vollbringen! Auch die Wachstumshormone werden vorwiegend nachts ausgeschüttet – so können Knochen und Muskeln wachsen. Wusstest du, dass die Hirnzellen sehr wählerisch sind und vor allem Zucker als Energielieferanten nehmen? Der beste Lieferant ist Muttermilch, denn sie enthält fast doppelt so viel Milchzucker wie Kuhmilch – was aber auch bedeutet: das Kind meldet sich nachts öfters, weil es der Milchzucker schneller ins Blut aufgenommen und verwerte wird. So ist es wenig verwunderlich, dass viele Babys und Kinder die Hauptzeit ihres Wach-Seins mit Essen verbringen und dann wieder mit Schlafen. Wobei: Auch im Schlaf schaltet das Gehirn nicht ab, sondern es arbeitet auf Hochtouren – ein Grund, warum Babys mehr im REM-Schlaf zu Hause sind als in der Tiefschlafphase. Der REM-Schlaf, der aktive und weniger entspannende Teil des Schlafens, wird gerne auch als Entwicklungsschlaf bezeichnet: Das Hirn lernt, indem es die Geschehnisse des Tages verarbeitet. Fühlt sich das Kind in dieser Zeit sicher und geborgen und verändern sich seine Schlafbedingungen nicht, kann es nach etwa 20 Minuten in den Tiefschlaf fallen. Schleichen sich Eltern jedoch zu  früh aus dem Zimmer, wird das Sicherheitssystem des Kindes aktiv und es wacht auf.  Die Frage ist nur, wie lange sie eigentlich Nahrung brauchen. Die Anbieter verschiedener Programme gehen von sechs Monaten aus – dann kann das Kind 12 Stunden schlafen. Aber kann das sein? In verschiedenen Ratgebern findet man dazu ganz unterschiedliche „Deadlines“, wann ein Baby ohne nächtliche Mahlzeit auskommen soll. Von 4-6 Monaten ist da alles dabei. Warum ein Kind dann noch aufwacht, hat – so die Meinungen – andere Gründe, aber keinesfalls Hunger oder Durst.
Fotoquelle: http://www.jameda.de/gesundheits-lexikon/schlaf/

Aber kann das sein? Warum sollte ausgerechnet der Hunger nachts plötzlich mit 6 Monaten weg sein? Vielleicht sollten wir mal lieber auf die Kinder schauen, als auf unsere Uhr oder den Kalender:

  • In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres verdoppeln Kinder ihr Körpergewicht.
  • Kinder brauchen auf ihr Körpergewicht bezogen etwa vier Mal mehr Kalorien als Erwachsene.
  • Kinder verwerten die Kalorien unterschiedlich: Manche brauchen dafür doppelt so viele Kalorien wie andere.
  • Die Entwicklung verläuft in Sprüngen – da ist es schwierig, genaue Monate festzumachen und: Jedes Kind entwickelt sich in seinem Tempo.
  • Gestillte Kinder nehmen nachts 1/3 mehr Kalorien zu sich als Kinder, die im eigenen Bett schlafen oder mit der Flasche gefüttert werden
  • Das Beikostargument: Melden sich Kinder nachts häufig, dann raten viele (auch Ärzte) dazu, Beikost einzuführen, damit das Kind satter ist. Im Vergleich zu Muttermilch ist Beikost jedoch kalorienärmer.

Über das zusammen schlafen und die Vorteile des Co-Sleepings haben wir schon an anderer Stelle geschrieben, daher verweisen wir gerne auf folgende Artikel, wenn du darüber noch mehr erfahren möchtest:

 

Die 10 wichtigsten Tipps für entspannte Familiennächte von Sibylle Lüpold

Life is to short: Genießt das Co-Sleeping!

 

Kinder müssen nicht schlafen lernen

Kinder können also schlafen, sie schlafen nur anders und das hat seine Gründe. Fragt man Mütter anderer Kulturen, wann sie ihre Kinder ins Bett bringen, dann kommt schnell die Frage: Was ist eine Schlafenszeit? Feste Zeiten, wann die Kinder ins Bett sollen sind in anderen Kulturen nicht bekannt. Die Kinder schlafen, wenn sie müde sind oder dort, wo sie gerade sind. Erstaunlicherweise ist es auch die westliche Gesellschaft, die über Schlafprobleme klagt und die das selbständige Schlafen schon früh übt – in anderen Kulturen gibt es das  nicht –  da schlafen die Kinder wenn sie müde sind, wo sie gerade sind und auf jeden Fall mit ihren Eltern zusammen.

Was wir also tun können: Uns von Vorstellungen lösen und Situationen annehmen. Wir müssen uns davon lösen, wie wir uns wünschen, dass Babys und Kleinkinder „funktionieren“.  Es gibt keine Methode, keine Tricks und kein Konzept, das Eltern ihrem Kind überstülpen können und damit die Instinkte überschreiben. Es gibt nicht DEN einen Weg, denn wenn wir uns ehrlich sind: Die Kleinen haben das Schlafen schon gut drauf. Ihr Verhalten passt nur nicht zu dem, was wir uns vorstellen und es passt auch nicht zu unseren Umständen. Wieder einmal sind es unsere Vorstellungen, die uns da in die Quere kommen.

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Dennoch versprechen viele Programme und Methoden, dass das Kind mit ihrer Hilfe durchschläft. Hier beginnt eigentlich schon der Stress: Die Frage, was ist normal und was nicht. Ein Schlafprogramm, das ruhige Nächte bei einem 6 Monate alten Kind verspricht, geht davon aus, dass bei älteren Kindern, die nachts noch aufwachen, irgendwas nicht stimmt. Und, dass das Kind „richtig“ schlafen lernen muss. Diese Annahme verunsichert Eltern und sie fragen sich: Was habe ich falsch gemacht? Warum schläft mein Kind nicht? Viele dieser Schlafprogramme spielen mit der Verzweiflung und Verunsicherung der Eltern. Die Angst der Eltern, etwas falsch zu machen, dem Kind damit womöglich seine Zukunft zu verbauen, wächst. Es klingt ja auch fantastisch: In 7 Tagen zu ruhigen Nächten. 12 Stunden. Halleluja! Und: Es wird funktionieren, klar: Unsere Babys sind ja nicht dumm. Davon aber weiter unten mehr.

Ja, Schlafentzug ist gemein, es ist sogar in anderen Ländern eine Foltermethode und je länger er dauert, desto verständlicher ist es, dass Eltern nach einer Lösung suchen. Aber was ist der Preis dieser Schlaflernprogramme?

Wir gehen nicht davon aus, dass irgendjemand sein Schlaflernprogramm einsetzt, um seinem Kind zu schaden. Es ist vielmehr die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit und der Schlafmangel, der den Gedanken aufkommen lässt, dieser Weg sei das Beste für das Kind. Keinem Kind wird es schaden, wenn es einmal kurz warten muss – bei einer bedürfnisorientierten Elternschaft steht aber die Befriedigung der Bedürfnisse an oberster Stelle.

Warum kein Kind ein Schlaflernprogramm braucht

Fangen wir doch bei ihrem Ursprung an:

Richard Ferber war der Begründer der Schlaflernprogramme. So populär sie waren und noch immer sind, sieht er selbst seine Aussagen von 1980 sehr kritisch. Sein Schlaflernprogramm beruht auf der Tatsache, dass Kinder, die bis sechs Monate nachts aufwachen normal sind, dann aber mit einer gezielten Behandlung dazu gebracht werden können, alleine in den Schlaf zu finden und sogar bis zu elf Stunden durchschlafen. Nach wenigen Tagen würde sich Erfolg einstellen und das Baby gewinnt durch diese Behandlung sogar: Es wird selbständig und lernt, sich unabhängig von seinen Eltern zu trösten. Wie das gehen soll? Das Baby lernt alleine einzuschlafen – es soll wach ins Bett gelegt werden. So würde es die Einschlafassoziation nicht mehr mit den Eltern verbinden. Das Programm sieht dann vor, das Baby für festgelegte Zeiträume alleine zu lassen und diese Intervalle auf maximal 10 Minuten nach einem genauen Plan zu erweitern.

Dieses Programm beruht auf der Theorie des Behaviorismus, der um die Nachkriegszeit eingeordnet wird. Dem zufolge wird ein gewünschtes Verhalten mit positiven Reizen verstärkt, ein unerwünschtes mit Strafen fast ausgelöscht. In unserem Raum findet diese Methode im Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Annette Kast-Zahn Anwendung, aber auch andere Variationen wie die Sanduhr-Methode oder die tweelde-Methode beruhen auf dieser Methode von Richard Ferber.

Früher sagte man, dass „Schreien die Lungen stärkt“, heute hört man, man solle sich nicht von seinem Kind tyrannisieren lassen. In unseren Köpfen haben sich diese Sätze eingebrannt.

Ein Schlaflernprogramm, das pauschal behauptet, jedes 6 Monate altes Kind könnte 12 Stunden durchschlafen, entspricht nicht dem Ansatz eines gleichwürdigen Menschenbildes und beachtet die Individualität eines Kindes nicht. Jedes Kind ist einzigartig! Kinder sind viel zu individuell, als dass irgendeine Gebrauchsanleitung sie passend für die Neuzeit programmieren könnte. Es gibt Babys, die viel Nähe brauchen, andere schlafen auch im eigenen Bett gut.

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Aber was ist so schlimm an Schlaflernprogrammen?

Auf die Anwendung von Schlaflernprogrammen sollten Eltern besser verzichten. Nicht nur, dass sie schwere Folgen für die Seele deines Babys haben, sie sind auch für dich eine Tortur, die du durchmachst, um das Programm durchzuhalten.

Auf den ersten Blick scheint die Kritik nicht verständlich: Wenn das Kind abends endlich Ruhe gibt, dann hat es gelernt zu schlafen. Es hat jedoch nicht gelernt zu schlafen, es hat gelernt zu schweigen. Befunde aus der Hirnforschung besagen, dass das kindliche Lernen durch positive Gefühle angetrieben wird, durch Begeisterung. Gestresste Kinder lernen nichts! Eine Methode, die dazu auffordert das Kind schreien zu lassen, fördert aber keine Begeisterung und auch keine positiven Gefühle, sondern erreicht genau das Gegenteil. Das Kind erfährt großen Stress – mehr darüber kannst du in den Artikel „Interview mit Dr. Renz-Polster: Das passiert, wenn du dein Baby schreien lässt“ nachlesen und auch, was im Inneren deines Kindes passiert, wenn du es schreien lässt: Schreien lassen oder warum uns Stress krank macht

  • Schreien lassen erschüttert das Urvertrauen
  • Schreien lassen gefährdet die Bindungsfähigkeit
  • Schreien lassen tut weh!
  • Schreien lassen schädigt das Gehirn
  • Schreien lassen setzt große Mengen des Stresshormons Cortisol frei
  • Schreien lassen verhindert den Umgang mit Stress
  • Schreien lassen löst beim Baby Todesangst und Panik aus
  • Schreien lassen verursachet großen, seelischen Schmerz

Kinder, die traumatische Erlebnisse in ihrer Kindheit erfuhen, haben eine erhöhte Anfälligkeit für Angststörungen, Depressionen und stressbedingten körperlichen Erkrankungen.

Bei einem Schlaflernprogramm passiert folgendes: Dein Kind lernt also nicht zu schlafen wenn es vor Erschöpfung einschläft, sondern es wird dazu gezwungen. Von seinen Eltern, die sich in Ruhe CSI oder den Bachelor um 20:15 Uhr anschauen wollen, einfach ihre Ruhe haben möchten, noch ein paar Stunden ZWEIsamkeit genießen und dann bitte bis 6 Uhr morgens durchschlafen (überspitzt formuliert). Natürlich wird das Baby irgendwann Ruhe geben, weil es ein Säugetier ist. Da verhalten sich alle gleich: Das Baby verfällt in eine Schutzstarre. Es ist ruhig, damit es den Säbelzahntiger nicht auch noch auf sich aufmerksam macht in seiner Schutzlosigkeit. Es wäre eine leichte Beute und sagen wir mal so: Das will es nicht. Es hat also nicht gelernt zu schlafen, sondern nur, dass die liebenden und fürsorglichen Eltern, die untertags immer da sein, das Baby trösten, tragen, schmusen und kuscheln nicht mehr kommen, sobald das Licht aus ist. Warum versteht es aber nicht.

Dass das Schlafen bei diesen Bedingungen nicht funktionieren kann wird klar, wenn wir uns noch einmal in Erinnerung rufen, was das Baby zum Schlafen braucht:

  • Es will satt sein
  • Es will müde sein
  • Es will es warm haben
  • Es will nicht alleine sein
  • Es will entspannt sein
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Wie soll das Baby entspannt sein, wenn es schreit? Es ist genau das Gegenteil: Es ist angespannt. Auch, wenn die Mutter daneben sitzt und mit ihm spricht, ihm nur eine Hand auflegt oder was auch immer. Diese Anspannung nimmt es dann auch noch mit den Schlaf – Messungen haben nämlich gezeigt, dass Babys, die in den Schlaf schreien, die ganze Nacht unter Strom stehen, weil das Cortisol erhöht ist. Ihre Schutzstarre hält an und sie melden sich nicht – was den Eltern einen wohligen Schlaf beschert.  Doch ist es nicht seltsam, dass Hunger und Durst gerade nach sechs Monaten urplötzlich nach ein paar Tagen verschwinden? Natürlich schläft ein Baby auch mit Hungergefühl irgendwann ein – aber sicher nicht aus dem Grund, dass es nun gelernt hat, sich selbst zu trösten. Irgendwann wird ein Kind lernen, sich zu kontrollieren, sich selbst zu trösten, aber das geschieht nicht durch Zwang oder dem Liebesentzug, auch nicht innerhalb von Tagen, sondern es braucht dafür Jahre und liebevolle Zuwendung, Empathie und verlässliche Bindungspersonen, die seine Bedürfnisse ernst nehmen und darauf eingehen. Verlässlich.

Die Frage, die noch im Raum steht: Wie wirkt sich das alles auf unsere Beziehung aus? Viele werden nun sagen: „Uns hat es auch nicht geschadet“ – das Todschlagargument, weil es nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden kann. Dass sich das Schreien lassen ungünstig auf die Entwicklung auswirkt aufgrund des Cortisols ist messbar –  Beziehung ist aber nicht messbar und es gibt keine Vergleichsmöglichkeit, wie es anders gelaufen wäre, wenn…. Dennoch sehen wir eine Gefährdung für eine sichere Bindung, denn diese beruht darauf, dass sich Eltern auch nachts um ihre Kinder kümmern und nicht nur bis sich der Zeiger der 20 Uhr-Marke nähert.

Das kontrollierte Trösten

Weil es sich bereits herumgesprochen hat, dass Schreien lassen nicht so gut ist, setzen moderne und neue Schlaflernprogramme auf eine neue Taktik: Das kontrollierte Trösten. Das klingt doch gleich viel besser, oder? Das Kind wird getröstet. Nur eben kontrolliert.

Fast jedes Kind muss einmal ein paar Minuten warten, bis es von seiner Mutter oder jemand anderem getröstet werden kann. Gerade wenn noch andere Kinder zu versorgen sind, ist diese Situation alltäglich. Das Kind wird es auch verkraften, wenn dann sofort liebevoll getröstet wird – es lernt, dass es sich trotzdem auf seine Bindungsperson verlassen kann. Bekommt es aber keine Reaktin oder eine sehr kontrollierte, dann wird die Verlassenheit für das Baby unerträglich. Da sind auch 3 Minuten zu viel, weil Babys noch über kein Zeitgefühl verfügen.

Beim kontrollierten Trösten geschieht folgendes: Sie sind bei ihrem Kind, nehmen es aber nicht hoch, berühren es vielleicht nur oder sprechen mit ihm. Auch gehen sie immer wieder mal aus dem Zimmer und kommen dann wieder, um das Kind zu trösten.

Für das Kind macht es aber keinen Unterschied, welchen Namen das Schlaflernprogramm trägt: Wenn es in Not ist, wenn es sich alleine fühlt, dann will es seinen Eltern nahe sein, es will von ihnen getragen werden, hochgenommen, gestillt werden – all das, was wir ihm untertags auch bieten. Die körperliche Nähe ist für den Trost das A und O.

Wie kannst du das Schlafverhalten deines Kindes also positiv beeinflussen?

Auch wenn du das nun als erschöpfte, übermüdete und gestresste Mama wahrscheinlich nicht hören willst: Hab Geduld mit deinem Kind. Mach dir immer wieder klar, dass es dein Kind derzeit nicht besser kann, dass du jedoch nichts falsch machst und dein Kind nicht lernen muss zu schlafen. Dein Kind möchte die nicht ärgern, dich quälen oder die etwas zufleiß machen. Es braucht dich. Auch nachts.

In dieser Situation ist es am hilfreichsten, wenn du dem Bedürfnis deines Babys nach Nähe nachkommst und ihm gibst, was es braucht.

  • Kein Kind muss schlafen lernen – jedes Kind kann schlafen
  • Lass dein Kind in deiner Nähe schlafen
  • Dein Kind muss satt sein, es muss es warm haben, die Windel sollte gewechselt sein
  • Achte auf die Anzeichen, wann dein Kind müde ist – das muss nicht immer um Punkt 19 Uhr sein
  • Vermittle deinem Kind, dass es schlafen darf und dass Schlafen schön ist
  • Entspannt euch auch untertags, dann hast du mehr Energien für den Abend, wenn dein Kind dich zum Einschlafen braucht
  • Rituale: Viele Kinder haben noch ein Problem damit, von einer Situation in die nächste zu kommen. Die Übergänge schaffen sie kognitiv noch nicht – das ist eine Gehirnleistung, die sich erst entwickeln muss. Du kannst deinem Kind den Übergang jedoch mit einem Ritual erleichtern
  • Vermeide viele Reize und zu grelle Lichtquellen (wie etwa das Smartphone) – dadurch kommt die Melatonin-Produktion (unser Schlafhormon) nicht in Gang!
  • Bevor zu dich rausschleichst: Warte 20 Minuten, bis dein Kind ruhiger wird und flacher atmet. Dann ist es in der Tiefschlafphase.
  • Konzentriere dich nicht zu sehr auf dein Kind, gerade dann, wenn es schon lange dauert. Nutze die Chance und mach Yoga oder Pilates daneben und lies mit deinem E-Book-Reader. Kinder schlafen am besten ein, wenn sie nicht im Mittelpunkt sind.
  • Und wenn gar nicht hilft: Hör auf dein Kind ins Bett zu bringen. Schaut gemeinsam CSI, geht eine Runde spazieren oder erledige den Haushalt, während dein Baby im Tragetuch ist – und es wird nicht lange dauern, bis es einschläft.

Die Entwicklung des Schlafverhaltens ist bei den meisten Kindern eben nicht  mit sechs Monaten abgeschlossen – es entwickelt sich über einen langen Zeitraum und wird immer wieder von Entwicklungsschüben, Krankheit, Zahnen, seinen Alltag, seine Erfahrungen, seine Ängste etc. beeinflusst. Manche Kinder schlafen von Beginn an in mehreren zusammenhängen Schlafphasen, andere nicht. Bei anderen beginnen die unruhigen Nächte erst im zweiten Halbjahr des ersten Jahres, andere Kinder schlafen von Geburt an ruhig. Egal wie die Bedingungen nun ausschauen, wir können als Eltern die Entwicklung des Schlafverhaltens positiv beeinflussen, aber nicht durch Schlafprogramme. Es helfen uns keine Altersangaben, keine Tabellen und keine Durchschnittswerte und schon gar keine fixen Programme, sondern der Schlüssel heißt: Empathie. Wir müssen uns in unsere Kinder hineinversetzen um sie zu verstehen und es schadet auch nicht, ein bisschen etwas für das kindliche Schafverhalten und die Hormone zu wissen.

Hier noch ein kleiner Selbstversuch:

Quellen:

Elizabeth Pantley: Schlafen statt Schreien: Das liebevolle Einschlafbuch
Sibylle Lüpold: Ich will bei euch schlafen!
Herbert Renz-Polster, Nora Imlau: Schlaf gut, Baby!: Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten

Schlaflernprogramme: ein Blick hinter die Schreikulisse

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