Die 10 wichtigsten Tipps für entspannte Familiennächte von Sibylle Lüpold

Es gibt kaum eine Familie, in der das Schlafverhalten des Kindes nicht irgendwann zu Unsicherheit und Stress führt. Die folgenden Tipps vermitteln hilfreiches Wissen und versuchen den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht zu werden. Dadurch kann sich das (Nacht)Leben der ganzen Familie verbessern.

 

 

Informieren Sie sich über das kindliche Schlafverhalten

Das Schlafverhalten verändert sich im Laufe des Lebens. Neugeborene haben noch keinen festen Tag-Nacht-Rhythmus entwickelt; sie schlafen in kurzen und unregelmässigen Abständen rund um die Uhr. Erst im Verlauf des ersten Jahres verlegt ein Kind seinen Schlaf zunehmend in die Nacht.

Der menschliche Schlaf ist in Zyklen unterschiedlich tiefer Phasen gegliedert, die sich mehrmals pro Nacht wiederholen. Während ein solcher Zyklus bei einem Erwachsenen ungefähr 90 Minuten dauert, sind es beim Säugling nur ca. 50 Minuten. Auch Erwachsene erwachen dazwischen kurz, können aber in der Regel schnell wieder einschlafen und erinnern sich am Morgen nicht mehr daran.

Bei Kindern ist der Anteil an REM-Schlaf (REM = Rapid Eye Movement, übersetzt: Schnelle Augenbewegungen) noch sehr hoch. Forscher gehen davon aus, dass die aktiven REM-Phasen unter anderem Lernprozessen dienen. Während oder nach diesem „Traumschlaf“ erwachen Kinder leicht; in den Tiefschlafphasen hingegen sind sie auch durch laute Geräusche oder Bewegungen kaum zu wecken.

Wenn ältere Kinder oder Erwachsene einschlafen, gelangen sie direkt in eine tiefere Non-REM-Phase. Säuglinge hingegen durchlaufen zuerst eine störungsanfällige REM-Phase, die ungefähr 20 Minuten dauert. Warten Sie, bis sich Ihr Kind im Tiefschlaf befindet, bevor Sie es ablegen oder alleine lassen. So verhindern Sie, dass es plötzlich wieder hellwach ist. Mit zunehmendem Alter verläuft dieser Übergang immer schneller und das Einschlafen verkürzt sich.

 

Lassen Sie Ihr Kind von Anfang an bei sich schlafen

Viele Eltern machen sich Sorgen darüber, wann und ob ihr Kind endlich lernen wird, alleine ein- und die ganze Nacht durchzuschlafen. Auch viele Ratgeber betonen, dass es wichtig sei, die Selbständigkeit des Kindes von Anfang an zu fördern und ein frühes Allein-(Ein)schlafen anzustreben.

Schlafen ist jedoch wie Essen, Sprechen und Laufen ein Entwicklungsprozess, der idealerweise vom Kind und seiner Reife gesteuert wird. Versuchen Eltern, diesen Prozess zu beschleunigen, kann dies zu einer Überforderung des Kindes führen und die Schlafentwicklung letztlich verzögern.

Schlafen ist lebensnotwendig und muss nicht gelernt werden. Ein Kind muss jedoch lernen, das Vertrauen aufzubauen, auch nachts nicht alleine gelassen zu werden und entspannt einschlafen zu dürfen.

Am besten kann Ihr Kind diese sensible Entwicklung durchlaufen, indem es von Anfang an in bei Ihnen schlafen darf, so dass sein Bedürfnis nach Sicher- und Geborgenheit voll und ganz gestillt wird. Mit dem Älterwerden lernt ein emotional gefestigtes und sicher gebundenes Kind automatisch, auf Ihre Anwesenheit zu vertrauen, auch wenn Sie nicht unmittelbar bei ihm sind. Sie müssen keine Angst haben, Ihr Kind mit Nähe und Zuwendung zu verwöhnen. Seine Selbständigkeit basiert auf dem stabilen Fundament einer sicheren Bindung, sowie dem Vertrauen in seine Bezugspersonen und sich selbst.

 

Beachten Sie beim gemeinsamen Schlafen die Sicherheitsmassnahmen

Wenn Sie Ihr Kind im ersten Lebensjahr bei sich im Bett schlafen lassen, sollten Sie die nötigen Sicherheitsmassnahmen beachten. Wichtig ist, dass ein Säugling in Rückenlage schläft und nicht zu sehr zugedeckt wird (vor allem nicht sein Kopf). Die Eltern dürfen weder rauchen, noch unter Alkohol-, Drogen- oder Medikamenteneinfluss stehen. Das Kind sollte genug Platz haben und auf einer festen Unterlage liegen. Auf dieser Seite finden Sie zusätzliche Informationen: Kindernächte

 

Kaufen Sie ein grosses Doppelbett

Wiegen, Gitter- und Kinderbetten kommen nur kurze Zeit zum Einsatz und entsprechen oft nicht den kindlichen Bedürfnissen. Die meisten Kinder sind in den ersten Monaten bis Jahren ihres Lebens zumindest zeitweise auf Körperkontakt mit den Eltern angewiesen, um entspannt schlafen zu können. Eine Investition, die sich für alle Familien über Jahre hinweg auszahlt, ist der Kauf eines grossen Doppelbettes, in dem die Eltern auch dann gut und bequem schlafen können, wenn sie Besuch bekommen. Auch ältere Kinder steigen hin und wieder nachts zu den Eltern ins Bett, wenn der erste Schultag bevorsteht oder etwas anderes sie belastet.

 

Nehmen Sie es gelassen, wenn Ihr Kind noch nicht durchschläft

Für viele Eltern scheint das „Durchschlafen“ des Kindes das grosse Endziel seiner Schlafentwicklung zu sein, was zu Verunsicherung führt, wenn es sich damit schwer tut. „Durchschlafen“ bedeutet nicht, dass ein Kind die ganze Nacht ununterbrochen schläft. Es bedeutet, dass es von ca. Mitternacht bis 5 Uhr morgens schläft, ohne in dieser Zeit nach den Eltern zu rufen. Es wacht zwischen zwei Schlafzyklen trotzdem kurz auf, ist aber in der Lage, ohne Hilfe wieder einzuschlafen.

 

Die kindliche Schlafentwicklung verläuft wellenförmig. Das heisst, ein Kind schläft nicht desto länger am Stück je älter es wird. Vielmehr gibt es Phasen, in denen ein Kind bereits durchschläft, abgelöst von Phasen, in denen es nachts wieder vermehrt aufwacht. So schlafen viele Babys mit 3 bis 5 Monaten besser als zwischen 6 bis 12 Monaten. In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres wacht ein Grossteil aller Kinder nachts wieder vermehrt auf. Gründe sind neben Hunger und Durst die emotionale Entwicklung (u.a. Ängste), Zahnen, Infektionen, Entwicklungsschritte, Tageseindrücke, die verarbeitet werden müssen, u.v.m.

 

Frühes Durchschlafen ist nicht im Interesse der kindlichen Entwicklung. Oder umgekehrt ausgedrückt: Die REM-Phasen sind wichtig für die intensive Gehirnentwicklung und das häufige Aufwachen schützt das Kind vor den gefährlichen Tiefschlafphasen (Plötzlicher Kindstod). Zudem begünstigt es eine regelmässige Nahrungsaufnahme, Nähe, Wärme, Schutz und Zuwendung der Bezugsperson(en). Ein Steinzeitbaby hätte keine einzige Nacht überlebt, wenn es irgendwo alleine abgelegt worden wäre. Sinn des biologisch angelegten Bindungsverhaltens eines schutzbedürftigen Babys ist es, jegliche Trennung von seiner Bindungsperson zu verhindern, insbesondere nachts.

 

Gehen Sie sofort zu ihm, wenn es ruft

Kinder, die bei den Eltern schlafen dürfen, schreien meistens gar nicht, da ihre Bindungspersonen ja schon da sind. Stillkinder können idealerweise ohne Aufwand an die Brust genommen werden und schlafen schnell wieder ein.

Wenn Ihr Kind bereits alleine schläft, wird es ab und zu nach Ihnen rufen, wenn es aufwacht. Lassen Sie es nicht schreien und gehen Sie sofort zu ihm. Es versucht keineswegs, Sie zu manipulieren. Die Nacht und das Alleinsein sind für ein Kind beängstigend. Es braucht immer wieder die Versicherung, dass Sie noch da sind und alles in Ordnung ist. Je zuverlässiger Sie verfügbar sind, desto besser kann es beruhigt wieder einschlafen. Mit dem Älterwerden wird es zunehmend lernen, nicht bei jedem Aufwachen nach Ihnen zu rufen.

Wenn Sie es jedoch schreien lassen, erlebt es grosse Angst und fühlt sich in seinem Vertrauensaufbau verunsichert. Es wird dadurch noch mehr klammern und häufiger nach Ihnen rufen.

Von den umstrittenen Schlaflernprogrammen (wie z. Bsp. der Ferbermethode) raten unterdessen sehr viele Fachleute ab.

 

Passen Sie Ihre Erwartungen der Reife Ihres Kindes an

Untersuchungen in anderen Kulturen haben gezeigt, dass diese deshalb keine kindlichen Schlafstörungen kennen, weil sie ganz andere Erwartungen an das Verhalten ihrer Kinder haben. Während in Europa oder Nordamerika bereits Eltern von Säuglingen besorgt den Kinderarzt aufsuchen, wird in Südamerika, Afrika oder Indien erst mit 3 bis 5 Jahren von einem Kind erwartet, dass es alleine und die ganze Nacht durchschläft.

Schlafen ist ein biologischer und emotionaler Reifeprozess, der nach einem halben Jahr noch lange nicht abgeschlossen ist. Erfahrungsgemäss brauchen Kinder ungefähr drei Jahre, um abends entspannt ein- und die ganze Nacht durchzuschlafen, vorausgesetzt, sie wurden bis dahin liebevoll begleitet. Die Aufgabe, über Monate bis Jahre hinweg rund um die Uhr für ein Kind da zu sein, mag manche Eltern abschrecken – ist das stabile Fundament aber einmal gelegt, schlafen Kinder in der Regel dauerhaft gut.

 

Haben Sie Geduld bei Veränderungen

Der Schlafbedarf eines Menschen ist angeboren, individuell und altersabhängig. Er kann nicht verändert werden und nimmt mit zunehmendem Alter langsam ab. Ein Kind, das einen Schlafbedarf von nur 9 Stunden pro Nacht hat, schläft nicht länger, wenn seine Eltern es 12 Stunden im Bettchen liegen lassen. Viele sogenannte „Schlafstörungen“ begründen sich in einer unrealistischen Erwartung, wie lange ein Kind schlafen soll und verbessern sich oft alleine schon dadurch, dass die Eltern es abends später ins Bett bringen, den Tagesschlaf kürzen oder es am Morgen früher wecken. Um eine bleibende Veränderung Schlafverhaltens zu erzielen, müssen Sie den Schlaf-Wach-Rhythmus Ihres Kindes 7 bis 14 Tage lang konsequent neuen Zeiten anpassen.

Sie können nicht beeinflussen, wie viele Stunden Ihr Kind innerhalb eines Tages schläft, aber Sie können (sobald es etwas grösser ist) entscheiden, wann es schlafen geht resp. am Morgen aufwacht.

 

Lassen Sie Ihr Kind mitentscheiden

In allen Bereichen lohnt es sich, Kindern so viel Mitspracherecht einzuräumen wie möglich. Dann sind sie einerseits motivierter mitzumachen, andererseits orientiert sich die Lösung an den Wünschen des Kindes und wird erfolgreicher sein.

Besprechen Sie so gut es geht mit Ihrem Kind, wie Sie den Übergang zum Alleinschlafen gestalten könnten und wie sein Schlafplatz aussehen soll. Gestalten Sie mit ihm zusammen ein lustiges, gemütliches und attraktives „Nest“, in das es abends gerne hineinsteigt, um dort zu schlafen. Diesen Ort sollte es möglichst nicht mit Angst und Einsamkeit verknüpfen, von daher lohnt es sich, in der ersten Zeit abends bei ihm zu bleiben bis es schläft. Ist der neue Schlafort einmal vertraut und mit vielen schönen Empfindungen verknüpft, können Sie Schritt für Schritt das selbständige Einschlafen ansteuern. Braucht Ihr Kind nachts aus irgendeinem Grund wieder Ihre Nähe, gehen Sie unbesorgt darauf ein.

Je mehr Sicher- und Geborgenheit Ihr Kind auch nachts erlebt, desto entspannter kann es in den Schlaf gleiten. Wenn es die Nacht jedoch mit Ängsten und Alleinsein verknüpft, wird es sich jedes Mal unsicher fühlen und nachts sein Bett und Zimmer verlassen, um bei Ihnen weiterzuschlafen.

 

Ihre nächtliche Betreuung lohnt sich!

Obschon immer noch nicht ganz geklärt ist, wozu Schlaf dient, konnten Forscher definieren, dass wir nicht nur regelmässig schlafen müssen, um uns zu erholen, sondern vor allem auch, um Gelerntes abzuspeichern. Während des Schlafs schottet sich das Gehirn von der Aussenwelt ab und wendet sich inneren Abläufen zu. Im Tiefschlaf werden tagsüber erworbene Lerninhalte und Eindrücke nach Wichtigkeit sortiert und im REM-Schlaf zusammen mit Emotionen definitiv verknüpft. So macht es Sinn, nach dem Lernen zu schlafen, um die Informationen im Langzeitgedächtnis zu festigen. Nach einem traumatischen Erlebnis hingegen ist es besser, den Schlaf so lange wie möglich hinauszuzögern, um das Abspeichern der schmerzlichen Erfahrungen zu verhindern. Wir schlafen folglich, um uns erinnern zu können! Diese spannende und für Lernende hilfreiche Erkenntnis der Schlafforschung zeigt die Bedeutung der liebevollen Begleitung der Eltern beim Einschlafen. Sind jene in den ersten Lebensjahren ihres Kindes abends zuverlässig präsent, werden insbesondere die damit verbundenen positiven Gefühle dauerhaft gefestigt.

Sibylle Lüpold, August 2015

Kinder brauchen uns auch nachts

Sibylle Lüpold ist Mutter von 3 Söhnen,

Autorin (Ich will bei euch schlafen!, 2009; Kinder brauchen uns auch nachts, 2010; Stillen ohne Zwang, 2013; diverse Artikel und Texte) und

Stillberaterin IBCLC.

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

  • Largo Remo: Babyjahre. Piper Verlag 2007 (Neuauflage)
  • Lüpold Sibylle: Ich will bei euch schlafen! Urania Verlag 2014 (Neuauflage)
  • Renz-Polster Herbert: Kinder verstehen. Kösel Verlag 2009
  • Sears William: Schlafen und Wachen. La Leche Liga Schweiz 2005
  • Spork Peter: Das Schlafbuch. Rowohlt 2007

 

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