Nicht das Kind ist das Problem, sondern die Vorstellung

Wenn ein Baby geboren wird, ist das zuerst einmal ein Grund zur Freude. Es beginnt ein neues Leben, ein neuer Lebensabschnitt, an den mit vielen guten Absichten, freudigen Erwartungen, Hoffnungen, Mut, Zweifel und Unsicherheit herangegangen wird.

Sei hier Gast, sei hier Gast, sei hier Gast

Die Realität trifft dich schneller als erwartet, denn plötzlich weint dein Baby scheinbar grundlos jeden Abend, es lässt sich nicht weglegen, es wird von Blähungen geplagt und das Stillen will auch nicht so gut gelingen. Als wären das nicht schon Gründe genug die eine Neo-Mama verunsichern, strömen noch dazu viele ungefragte Ratschläge auf sie ein und jeder glaubt es besser zu wissen und es richtiger zu machen. Erstaunlich ist, dass alle Eltern nur das Beste für ihr Kind wollen und dennoch so völlig unterschiedlich erziehen.

„Lass sie doch schreien, das stärkt die Lungen“, „Vielleicht hast du nicht genug Milch und sie wird nicht satt“, „Du darfst sie nicht so viel tragen, sonst gewöhnt sie sich daran“ – wer kennt diese Sprüche nicht. Kein Markt boomte in den letzten Jahren so sehr wie der Ratgebermarkt für Eltern. Zu allen möglichen, unmöglichen und bisher unbekannten Themenbereichen gibt es satirische, ernst gemeinte und fragwürdige Bücher. Viele davon haben eines gemeinsam: Sie wollen einem sagen, wie man es vermeintlich richtig macht und wie man es mit seinem Baby hinkriegt. Das Zusammenleben erfolgt – glaubt man einigen Büchern – am besten so:

  • dass das Baby nicht stört,
  • dass es für uns bequem ist und
  • dass sich das Baby anpassen muss.

Doch wäre es nicht wünschenswert, wenn wir diesen neuen Menschen in unserem Leben willkommen heißen und ihn mit seinen Bedürfnissen, Erfahrungen und Erwartungen annehmen? Wenn wir einen Menschen in unser Leben aufnehmen, ihn willkommen heißen und einladen uns einen Teil unseres Lebens zu begleiten, dann sollten wir uns auf ihn einlassen: Wir sollten ihm mit Respekt begegnen, ihn wertschätzen und annehmen, so wie er ist. Wir sollten unsere Kinder immer gleichwürdig behandeln, ihre Integrität wahren und ihnen mit Respekt begegnen. Was uns aber bei Erwachsenen einfach gelingt, ist bei Kindern scheinbar schwer – von ihnen wird verlangt, dass sie sich in unser Leben integrieren und sich möglichst unauffällig verhalten. Kommt jedoch eine Freundin zu Besuch oder ziehen wir mit jemanden zusammen, dann stellen wir uns aufeinander ein. Wir machen einen Schritt aufeinander zu. Genau das brauchen auch unsere Kinder. Sie brauchen Eltern, die sich auf sie einlassen, sie annehmen, sie mit Würde behandeln, Eltern, auf die sie sich verlassen kann und die ihnen Sicherheit geben. Eltern, die empathisch auf ihre Bedürfnisse eingehen und sich für sie begeistern. Doch wenn man sich in Foren oder in Spielgruppen umhört, fällt eines auf: Irgendwie sind wir als Eltern dann nicht bereit, so viel aufzugeben – fragt man Neo-Eltern, dann verfolgen viele ein Ziel: Weitermachen wie bisher, nur mit Kind. Das scheint „cool“ zu sein – ein Zeichen, alles unter einen Hut zu kriegen, es zu schaffen. Doch Kinder brauchen Wärme und Geborgenheit, keine Coolness.

Warum fällt es uns so schwer, uns einfach auf unsere Kinder einzulassen und sie anzunehmen?

Ganz einfach könnte man sagen: Uns fehlt die Erfahrung im Umgang mit Babys.

Warum Affen im Zoo fernschauen

Eine schwangere Affendame wird im Zoo vor den Fernseher gesetzt und sieht was? Einen Geburtsfilm. Sie sieht die Geburt eines Affen und wie die Affendame im Fernseher mit dem neugeborenen Affen umgeht. Warum? Damit sie es weiß. Sie lernt so, wie sie es mit ihrem Affenbaby zu tun hat – diese Vorerfahrung ist überlebenswichtig für das Affenbaby! Auch wir Menschen brauchen diese Beobachtungen: Was „früher“, als Menschen noch in generationsübergreifenden Verbänden zusammenlebten, normal war, ist heute eine Seltenheit: Viele frisch gebackene Mütter hatten vor ihrem eigenen Baby nichts oder kaum mit einem Neugeborenen zu tun. Sie haben weder eines gehalten, noch gewickelt, noch haben sie auf ihrem Weg mitbekommen, wie es ist ein Baby zu stillen oder mit ihm zusammenzuleben. Es fehlt uns einfach die Erfahrung, was ein Baby braucht und wie das Zusammenleben gelingen kann. Dabei geht es um keine Selbstaufgabe und einer Vernachlässigung der eigenen Grenzen (außer in den ersten 18 Monaten), sondern um Ehrlichkeit, Bewusstsein für sich selbst, Empathie und um die eigenen Grenzen. Stattdessen prägt die mediale Landschaft unsere Vorstellung und unsere Erwartungen, wie das Leben mit Babys denn so ist:

  • In den ersten sechs Monaten stillen, dann auf Pulvermilch umsteigen – länger stillen? Unvorstellbar.
  • Nachts eine trockene Windel und das Baby schläft friedlich in seinem Bettchen – mit dem Baby zusammen in einem Bett schlafen? Das machen nur die Ökos.
  • Und immer wieder das Bild des glücklichen Babys in seinem Kinderwagen oder in der Trage, nach vorne gerichtet.

Nicht das Kind ist das Problem, sondern die Vorstellung

Kinder scheinen eine Plage zu sein: Sie zahnen, schlafen schlecht, stillen dauernd, sind krank, haben einen Schub, eine Phase, trotzen, hören nicht – das alles passt nicht in unser Weltbild von dem erfüllten Kinderglück und der Bilderbuchfamilie mit den immerwährend zufriedenen und ausgeglichenen Kindern.  Sie werfen unsere Pläne durcheinander, wir müssen Termine absagen, Treffen verschieben, sind unpünktlich, unzuverlässig, übermüdet und immer ist irgendetwas.

Statt zu akzeptieren und es zuzulassen, dass sich das Leben mit einem Baby ändert, versuchen wir zwanghaft unser „altes Leben“ mit einer intakten und erfüllten Beziehung, spontanem Sex und Cocktail-Abenden mit Freunden aufrecht zu erhalten. Ein Kind anzunehmen, es in seine Familie aufzunehmen und mit ihm zu leben bedeutet auch, Rücksicht zu nehmen und manche eigenen Bedürfnisse für jemand anderen zurückzustecken. Ein Baby ändert das Leben, genauso wie ein neuer Lebenspartner – mit zweitem spreche ich mich auch ab, schließe Kompromisse und gebe mitunter manches auf. Warum? Aus Liebe. Tun wir das doch auch für unser Baby und stehen wir dazu: Es ändert sich vieles, aber nicht alles. Es ändert sich vieles, auf Zeit. Nicht für immer. Und es ist in Ordnung und sogar fundamental wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und zu wahren – und auch die des Kindes, wenn es mal wieder nicht Zähne putzen will.

  • Vielleicht sollten wir uns darauf besinnen, dass nicht das Kind das Problem ist, sondern unsere Vorstellung, die wir mit uns herumtragen. Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass wir Kindern zeigen müssen, wer der „Herr im Haus“ ist.
  • Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass uns Kinder immer folgen müssen und nur dann gut erzogen sind, wenn sie nicht widersprechen.
  • Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass Kinder Erwachsene respektieren müssen, wir selbst sie aber nicht mit Würde behandeln.
  • Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass sich Kinder unseren Vorstellungen anpassen müssen.

Sondern nehmen wir unsere Kinder so an, wie sie sind. Lassen wir uns auf sie ein und nutzen wir die Chance, im Zusammenleben mit ihnen viel über uns selbst zu erfahren und zu lernen. Kinder zu begleiten ist anstrengend, herausfordernd und eine große Verantwortung, die einem Angst bereiten kann. Aber es ist zugleich die schönste und hingebungsvollste Aufgabe.

Gute Ratgeber, die wir euch empfehlen*:

Das Geheimnis zufriedener Babys: Liebevolle Lösungen, damit Ihr Baby ruhiger schläft und weniger weint

artgerecht – Das andere Baby-Buch: Natürliche Bedürfnisse stillen. Gesunde Entwicklung fördern. Naturnah erziehen

Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt.

Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken

Eltern setzen Grenzen: Partnerschaft und Klarheit in der Erziehung

Grenzen, Nähe, Respekt: Auf dem Weg zur kompetenten Eltern-Kind-Beziehung

Besucherritze: Ein ungewöhnliches Schlaf-Lern-Buch

Das glücklichste Baby der Welt: So beruhigt sich Ihr schreiendes Kind – so schläft es besser

*Affiliate-Link

Merken

Merken

Merken

TEILEN