Wertschätzend Grenzen setzen – wir zeigen dir, wie es geht!

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„Kinder brauchen Grenzen“ ist ein beliebter Satz vieler Eltern und wurde zu einem Erziehungsdogma. Fast jeden Tag ist irgendwo etwas über „Grenzen setzen“ zu lesen. Eltern argumentieren oft, dass Kinder nicht ohne Grenzen aufwachsen könnten. Über 300.000 Treffer verzeichnet Google zu diesem Satz, mehrere Bücher tragen diese Phrase in ihrem Titel und Wissenschaftler gehen damit auf Tour. Wer damit begonnen hat, ist gar nicht mehr nachvollziehbar.

„Ich kann mein Kind doch nicht endlos mit dem Tablet spielen lassen“ oder „Ja was soll ich denn tun, wenn sie auf das Baby hinhaut? Einfach zuschauen?“ Und genau hier ist das Dilemma: Die Eltern sind schuld. Benimmt sich das Kind daneben, dann müssen heute die Eltern aktiv werden und ihnen Grenzen geben. Diese Annahme zielt darauf ab, dass Kinder ohne aktives Einwirken keine Grenzen hätten – aber das stimmt ja nicht. Auch in der antiautoritärsten Familie dürften Kinder nicht alleine den Herd anzünden oder einfach auf die Straße laufen. Muss ein Kind also wirklich gezähmt werden? Müssen wir als Eltern bewusste Grenzen setzen, um unser Kind zu erziehen?

Ist es nicht die Verantwortung der Eltern das Kind auf sein späteres Leben vorzubereiten, wo es auch nicht ohne Grenzen und Regeln geht? Man könnte meinen……

 

Was sind überhaupt Grenzen?

Jeder von uns spürt Grenzen. Jeden Tag. Das Leben jedes Einzelnen wird durch natürliche Grenzen bestimmt. Nach Juul sind Grenzen Regulatoren der menschlichen Beziehung. Sie zeigen, wie das menschliche Miteinander funktionieren kann. Kinder müssen zunächst einmal lernen, dass nicht nur sie Grenzen haben, sondern auch ihre Mitmenschen. Schon ein Baby dreht den Kopf weg oder beginnt zu weinen, wenn ihm etwas zu viel wird – es spürt seine Grenze und es ist darauf angewiesen, dass wir als Erwachsene diese Grenze wahrnehmen und darauf reagieren.

Sobald man mit jemand anderem in Kontakt ist, kommen Grenzen ins Spiel. Es sind natürliche Grenzen. Im Kindergarten, in der Schule, mit Freunden, im Beruf. Es geht darum, sich selbst zu positionieren und zu zeigen: Stopp, da ist meine Grenze. Und natürlich auch in der Eltern-Kind-Beziehung.  Dabei sind es nicht immer Grenzen, die den Rahmen schaffen, sondern auch Rituale und eine gewisse Tagesstruktur. Eigentlich schon viel Einschränkung für ein freies, offenes Kind: Es muss zu einer bestimmten Uhrzeit aufstehen, um 12 Uhr gibt es Mittagessen, dann ausruhen. Und abends auch gegen das eigene Müdigkeitsgefühl ins Bett, weil ja der nächste Tag wieder früh beginnt.

Nicht zu vergessen, die Regeln des Zusammenlebens: Nicht hauen, schubsen, kratzen, nicht frech sein, fragen, Bitte und Danke sagen, das Spielzeug nicht wegnehmen, beim Essen nicht schmatzen….. Das sind schon eine Menge an Grenzen und Regeln, die Kinder hier erfahren. Da ist es nur natürlich, dass Kinder auf Grenzen mit Frust reagieren und enttäuscht sind, wenn sie das Spielzeug nicht bekommen oder sich der Spielplatzbesuch nicht mehr ausgeht. In dieser Situation brauchen sie dann Erwachsene, die ihnen helfen mit ihren Gefühlen umzugehen und die sie mit ihren Gefühlen wahrnehmen. So bekommen Kinder eine echte Chance, mit ihren Gefühlen umzugehen.

Wichtig ist für ein Kind eines: Der Umgang mit den Grenzen der anderen. Es muss erfahren, dass die Beziehung nicht gefährdet ist, wenn es eine Grenze übertritt. Eltern sind also dazu aufgefordert, Verantwortung für ihre Grenzen zu übernehmen. So erfährt das Kind, dass es durchaus sinnvoll und wünschenswert ist, für seine eigenen Grenzen einzustehen und zu verlangen, dass sie eingehalten werden.

 

Was versteht man unter „Grenzen setzen“?

Doch was meint die „Mehrheit“ unter Grenzen setzen? Unter „Grenzen setzen“ ist jedoch nicht die Subjekt-Subjekt-Beziehung und ein gleichwürdiges Zusammenleben aller Familienmitglieder gemeint, sondern es geht mehr um eine mühsame Sozialisierung. Zumindest bekommt man diesen Eindruck wenn man Schritt-für-Schritt-Anleitungen liest, wie man Grenzen richtig setzt. Was Eltern damit verfolgen ist ganz einfach. Kinder müssen lernen, dass sie nicht alle Wünsche erfüllt bekommen und dass sie einem nicht auf der Nase herumtanzen. Doch sie müssen das genauso wenig lernen wie sprechen oder laufen. Denn ein Kind, das mit achtsamen und empathischen Erwachsenen zusammenlebt, die es ernst nehmen und gleichwertig behandeln, wird an Grenzen stoßen, ein „Nein“ hören und auch lernen, wie mit Grenzen umgegangen wird. Ein Kind, das diese Erfahrung machen darf, kann ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln.

Kinder brauchen keine künstlichen Grenzen um ihnen Anpassung beizubringen bzw. aufzuzwingen. Das Problem ist ein ganz anderes: Eltern brauchen Grenzen, sie brauchen ihren Platz und ihre Freiheiten. Doch sie nehmen sich diese nicht, weil sie ja nur das Beste für ihr Kind wollen. Wenn man den Gedanken weiterführt, wären irgendwann die Kinder daran Schuld, dass sich ihre Eltern nicht wohlfühlen. Kinder sind aber nicht auf dieser Welt, um uns glücklich zu machen – das ist nicht ihre Aufgabe.

Viele Eltern und auch Ratgeber betonen immer wieder, dass Grenzen Sicherheit und Struktur bieten. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Kinder erlangen Sicherheit durch eine liebevolle Beziehung zu ihren Eltern. Grenzen erzeugen eine Distanz. Ein ehrlicher menschlicher Kontakt zwischen Eltern und Kindern muss aufrichtig sein und sie muss alle Gefühle miteinbeziehen. Diese Beziehung baut darauf auf, dass Kinder mit ihren Bedürfnissen und Gefühlen ernst- und wahrgenommen und dass sie respektiert werden. Auf dieser Basis erfahren Kinder Sicherheit und Stabilität. So können sie geborgen aufwachsen mit dem Wissen, dass ihre Beziehung zu den Eltern nicht gefährdet wird.

 

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Und wie sollen Eltern sich nun verhalten?

Sie sollen in erster Linie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen und sie annehmen. Das ist schon schwer genug für viele Erwachsene, die es nicht erfahren haben, dass ihre Bedürfnisse wichtig sind. Für unsere Kinder ist unsere Vorbildhaltung jedoch entscheidend. Sie müssen erleben, wie wir unsere Bedürfnisse im Auge behalten, für sie einstehen und es auch aushalten, wenn dafür jemand anderer zurückstecken muss. Ignorieren Eltern jedoch ihre eigenen Bedürfnisse, laufen sie den ganzen Tag mit einem Runzeln auf der Stirn herum und neigen zu Wutausbrüchen – macht das unsere Kinder glücklicher? Nein.

Es geht beim Grenzen setzen in erster Linie darum, sich gegenseitig zu achten und zu respektieren. Eltern sollten damit aufhören willkürlich gewählte Grenzen zu setzen, sondern in eine echte Beziehung mit ihren Kindern gehen. Das ist natürlicher schwieriger und aufwendiger, als mit einer „Wenn….dann“-Formulierung das Kind dazu zu bringen, das zu tun, was man erwartet. In eine Beziehung zu gehen bedeutet nämlich, dass Eltern selbst wissen müssen, wo ihre Grenzen liegen – und das ist gar nicht so einfach. Denn die heutige Elterngeneration wuchs in einer Zeit auf, in der das persönliche Befinden des Kindes keine große Bedeutung hatte. Es war schlichtweg nicht erwünscht, dass Kinder zurück sprechen oder für ihre eigenen Bedürfnisse eintreten – wer das erreicht hat, hat es gut gemacht. Die Kinder zeigten vermeintlich Respekt.

Vielen Erwachsenen sind ihre eigenen Grenzen nicht bewusst, weil sie als Kind nicht erfahren haben, dass sie respektiert werden. Wir müssen lernen wieder zu spüren, wo unsere eigenen Grenzen sind, wo unsere Kräfte aufhören oder unsere Geduld aus ist. Unsere eigenen Grenzen sind immer mit Überzeugung verbunden. Kinder spüren wenn wir unsicher sind – diese Erfahrung ist für sie dann verwirrend und verunsichernd. Sie brauchen starke Erwachsene, die sie führen und die klar sind.

Kinder fühlen sich dann sicher, wenn die Erwachsenen, mit denen sie aufwachsen, klar, authentisch und fast schon durchsichtig sind. Es geht im Zusammenleben mit unseren Kindern nicht länger darum zu demonstrieren, wer der „Herr im Haus ist“, noch ist es gut, jede Enttäuschung von seinen Kindern fernzuhalten. Denn genau das müssen Eltern schaffen, wenn sie ihre eigenen Grenzen wahren. Enttäuschte Kinder begleiten, die über die Situation manchmal unglücklich, wütend oder frustriert sind. Statt nun die eigenen Grenzen zu überschreiten damit das Kind kein Leid erfährt, sind Eltern vielmehr dazu aufgefordert ihrem Kind zu zeigen, wie es konstruktiv mit Grenzen umgehen kann. Kindern die eigenen Grenzen spüren zu lassen – diese Erfahrung ist für Kinder fundamental, damit sie sicher und selbstbewusst „Nein“ sagen können. Denn genau das wünschen wir uns, wenn ihnen im Teenageralter einmal Drogen angeboten werden, oder?

Damit diese Art des Zusammenlebens gelingen kann brauchen Kinder Führung – und es muss klar sein, dass die Erwachsenen diese Führung in der Familie übernehmen.

 

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Und wenn das Kind einfach nicht hört?

Kinder übertreten  bewusst und unbewusst die Grenzen anderer – nicht nur unter Geschwistern sind körperliche Auseinandersetzungen ein häufiges Thema, sondern auch in der Eltern-Kind-Beziehung.

Nehmen wir als Beispiel das Thema „Hauen“:

Wenn ein Kind haut, dann will es uns etwas sagen. Es kann sein, dass es sprachlich noch nicht so weit ist um ausdrücken zu können, was es gerade frustriert, es kann mit seinen Gefühlen überfordert sein oder es ist ein verzweifelter Versuch, seine eigene Integrität zu wahren. Statt einfach zu sagen „Jetzt ist aber Schluss“ ist es unsere Aufgabe als Eltern uns in das Kind hineinzuversetzen und herauszufinden, welches Bedürfnis oder welches Gefühl hinter dem Hauen steht. Oder hinter einem anderen Verhalten.

Aber: Wir müssen auch unsere Grenze wahren und sagen: „Ich will das nicht“. Dieser Satz kann gerne zu eine ausgestreckte „Stopp-Hand“ begleitet werden, damit es für das Kind noch deutlicher wird: Hier ist eine Grenze. Mein Körper, meine Grenzen, meine Regeln. Und auch umgekehrt, wenn das Kind bei vermeintlich lustigen Kitzelspielen plötzlich laut „NEIN“ ruft.

Unter Geschwistern ist es wichtig, die Position beider Kinder zu stärken und ihnen zu sagen: Du darfst immer für deine Grenze einstehen. Stopp zu zeigen kann hier ein sehr effektiver Weg sein. Während ein Kind seine Grenze deutlich aufzeigt, lernt das andere Kind diese zu respektieren. Liegt jedoch der Fall vor, dass das ältere Geschwisterchen auf das Baby hinschlägt, das sich noch nicht wehren kann, dann muss es geschützt werden. Nimm es auf den Arm und vermittle zwischen den beiden Kindern. Begleite sie auf ihrem Weg, übersetze die Signale und zeige Verständnis für die Situation des Älteren, der gerade vom Thron gestoßen wurde. Aber erziehe nicht, in dem du das ältere Kind aufs Zimmer schickst oder ihm eine Auszeit verordnest. Und vermeide „Wenn….dann“-Formulierungen.

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Kinder brauchen Grenzen, aber nicht irgendwelche. Sie brauchen vor allem gesunde und positive Grenzen, an denen sie wachsen können und sie brauchen Beziehungen, die gleichwertig sind. Alle Grenzen, die unsere Kinder stärken, haben mit Respekt zu tun:

  • Positive Grenzen haben nichts mit Gewalt, Erziehung oder Bestrafung zu tun. Sie sind nicht willkürlich gesetzt um der Grenzen Wille, sondern es sind persönliche Grenzen.
  • Positive Grenzen haben nichts mit Verunsicherung, Sarkasmus oder Verspottung zu tun.
  • Positive Grenzen zeigen etwas über die eigene Wirkung als Mensch, sie erweitern eigene Handlungsmöglichkeiten und unterstützen ein differenziertes Denken.

Kinder, die solche positiven Grenzen erfahren, wachsen mit einem guten Selbstbild und Selbstwertgefühl auf. Sie können ihre Gefühle gut ausdrücken und einordnen, sie verfügen über eine große Handlungskompetenz und sie können die Grenzen anderer wahren und respektieren.
Quellen:
Jan-Uwe Rogge: Das neue Kinder brauchen Grenzen Taschenbuch *
Rebeca Wild: Freiheit und Grenzen – Liebe und Respekt: Was Kinder von uns brauchen (Beltz Taschenbuch / Ratgeber) *
Uli Hauser: Eltern brauchen Grenzen: Lasst die Kinder Kinder sein *
Katharina Saalfrank: Was unsere Kinder brauchen: 7 Werte für eine gelingende Eltern-Kind-Beziehung (GU Einzeltitel Partnerschaft & Familie) *
Jesper Juul: Grenzen, Nähe, Respekt: Auf dem Weg zur kompetenten Eltern-Kind-Beziehung
Steve Biddulph: Das Geheimnis glücklicher Kinder *
Sigrid Tschöpe-Scheffler: Kinder brauchen Wurzeln und Flügel: Erziehung zwischen Bindung und Autonomie *

 

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