Interview mit Dr. Renz-Polster: Das passiert, wenn du dein Baby schreien lässt

Welovefamily: Uns erreichen immer wieder Fragen, in denen Eltern uns um Rat bitten, wie sie ihr Kind am besten beruhigen können. Es schreit ständig. Herr Dr. Renz-Polster, warum schreien Kinder?

Dr. Renz-Polster: Kleine Kinder können ja nicht selbst für ihre Bedürfnisse sorgen. Sie müssen andere dazu motivieren, sich um ihre Anliegen zu kümmern. Dazu haben sie ein ganzes Arsenal von Kommunikationsmitteln, zum Beispiel Räkeln, das Gesicht verziehen, Gähnen, Strampeln, Schmatzen, Knarzen, Hin-und-her-Drehen des Kopfes, Saugbewegungen, und so weiter. Niederschwellige Signale also, mit denen sie ihr Bedürfnis anzeigen. Wenn sie damit nicht durchkommen betätigen sie die Hupe, sie schreien. Glaubt man den unbestechlichen Linsen der über dem Bettchen angebrachten Videokamera, so kündigt das Baby seine Bedürfnisse im Durchschnitt sage und schreibe 31 Minuten lang vornehm an, bevor es richtig losbrüllt! Sieht man von Schmerzschreien ab, ist Schreien also eindeutig ein Spätsignal. Und das hat einen guten evolutionsbiologischen Grund. Brüllen bedeutet Stress und Energieverbrauch. Das gilt es eigentlich zu vermeiden, denn das Baby braucht seine Energie eigentlich für sein Wachstum.

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Wenn wir dann schreiben, das Kind nicht schreien zu lassen, dann bekommen wir oft als Antwort: „Uns hat es ja auch nicht geschadet.“ Herr Dr. Renz-Polster, können Sie sagen, was im Körper des Babys passiert, wenn es schreien gelassen wird und welche Auswirkungen es hat?

Nun gut, das Argument höre ich auch oft – auch in Bezug auf Schläge und Beschämung, die angeblich auch nicht geschadet haben. Wenn kleine Kinder schreien, dann stimmt für sie die Welt nicht, sie sind in Not. Kann sein, dass sie Hunger oder Schmerzen haben, dass sie von Reizen oder Ängsten überwältigt sind oder dass sie sich allein gelassen fühlen. Das mag uns Großen alles trivial erscheinen, aber für leckere, schutzlose Menschenkinder geht es da innerlich sozusagen um alles, ums Überleben. Wir dürfen nicht vergessen, dass zum Beispiel ein Baby, das nachts alleine gelassen wurde, zu 99% in der menschlichen Geschichte den Morgen nicht erlebt hätte. Es wäre von Hyänen verschleppt, von Schlangen angeknabbert, von Mücken zerstochen oder durch Unterkühlung geschädigt worden.

Entsprechend groß ist die Not, und das kann man auch an den körperlichen Reaktionen ablesen.Die Stresshormone schiessen hoch, das aktivierende Nervensystem feuert wie wild, die Durchblutung steigt an. Ein kleines Kind, das immer wieder in solche Situationen kommt, ohne dass ihm geholfen wird, speichert diese Stresserfahrungen ab. Es wird überempfindlich gegenüber möglichen negativen Umweltreizen. Dieser Teufelskreis erklärt, warum Babys, die man einfach schreien lässt, eben nicht weniger, sondern insgesamt mehr und öfter weinen als Kinder, die verlässlich getröstet werden. Man kann Kinder nicht gegenüber für sie lebensbedrohliche Erfahrungen abhärten. Das wäre ja auch evolutionär gar nicht sinnvoll.

Allerdings – und auch da sind wir wieder bei einem evolutionsbiologischen Thema, kann man Babys so sehr in Not bringen, dass sie aus einem anderen Grund das Weinen aufgeben. Dann nämlich, wenn ihr Weinen systematisch, konsequent und über eine lange Zeitdauer ignoriert wird. Wie etwa bei manchen Schlaftrainings, die den Eltern empfohlen werden. Dann setzt beim Kind eine als Schutzstarre bezeichnete Reaktion ein, die auch von anderen Säugetieren bekannt ist.

Wer die Erfahrung macht, dass er weder durch Kämpfen noch durch Fliehen entkommen kann, tut gut daran Energie zu sparen. Und wer zu dem Schluss kommt, dass die Hilfe, die er herbeiruft, nicht kommen wird, sollte nicht auch noch die Raubtiere auf sich aufmerksam machen. Dass das Kind jetzt mit dem Schreien aufhört, heißt also noch lange nicht, dass es klug geworden ist oder gelernt hat sich selbst zu trösten. Vielmehr hat es nachhaltig die Erfahrung gemacht, dass es ohne Wirkung ist, wenn es ihm am meisten darauf ankommt. Es hat Ohnmacht erlernt.

 

Wieviel „schreien“ ist denn normal?

Forscher sind dem Phänomen Schreien mit Notizblock und Bleistift zu Leibe gerückt und haben die Schreizeiten von Babys in verschiedenen Ländern penibel dokumentiert – bis hin zu den steinzeitlich lebenden Kung in der Kalahari. Ihre Befunde zeigen, dass Kinder rund um den Globus in sehr unterschiedlichem Ausmaß weinen. Legt man die Daten aus England und Finnland zugrunde, so ist davon auszugehen, dass Babys in Deutschland mit ein bis zwei Monaten im Schnitt fast zwei Stunden, nach dem dritten Monat etwa eine Stunde pro Tag schreien oder quengeln. Dagegen fällt nicht nur Touristen etwa im ländlichen Afrika oder in den dörflichen Gebieten Asiens auf, wie selten sie dort Babys schreien hören. Das bestätigen auch Ethnologen. Ihre Befunde zeigen, dass gerade die traditionell eng bei der Mutter lebenden Säuglinge in den warmen, äquatornahen Regionen vergleichsweise wenig weinen.

Dass dies aber nicht einfach am Klima liegt, zeigt ein Vergleich zweier eng nebeneinander lebender Stämme in Zentralafrika. Die Babys der als Jäger und Sammler lebenden Aka werden ständig am Körper eines vertrauten Erwachsenen getragen, sie weinen sehr selten. Die benachbarten Ngandu dagegen leben von der Landwirtschaft – ihre Babys werden nicht selten alleine gelassen und weinen weitaus mehr. Es ist also anzunehmen, dass die Häufigkeit des Weinens auch damit zusammenhängt, wie „niederschwellig“ wir mit unseren Babys kommunizieren. Allerdings muss man hier möglicherweise das Phänomen der Dreimonatskoliken getrennt betrachten. Also das anhaltende Abendschreien in den ersten drei Lebensmonaten. Hier spielen möglicherweise auch andere oder zusätzliche Faktoren mit eine Rolle, die wir leider noch nicht alle kennen.

 

Was können Eltern tun, um ihr Baby zu beruhigen?

Nähe hilft, weil dann die eher niederschwelligen Signale des Babys ankommen, und das Baby gar nicht so sehr in Schrei-Not kommt. So hat sich gezeigt, dass Babys die getragen werden, insgesamt weniger schreien. Aber vieles setzt bei uns Eltern selber an. Wenn es uns gut geht, und wir mit Unterstützung und einem starken Rücken im Leben stehen, sind wir feinfühliger, haben ein dickeres Fell und mehr Kraft. Da finden wir in jeder Beziehung besser zusammen, sind entspannter, und das hilft auch unserem Gegenüber – ob klein oder groß.

Aber das sind eben die Dinge, die wir so schlecht steuern können, wir kommen halt auch als Eltern in Not, und sind oft selbst gestresst. Wer also meint, das Leben mit Baby sei ohne Weinen zu packen, tut sich weder einen Gefallen noch ist er oder sie realistisch. Wir leben nun mal oft im Stress und können wenig daran ändern. Wir können nur versuchen, es so gut zu machen wie es geht.Auf Unterstützung hoffen – und eben Schritt für Schritt dazulernen. Aus unseren Fehlern, aber auch aus dem, was funktioniert.

Da lernen alle Eltern ihre Strategien, die bei ihrem eigenen Baby gut ankommen.Ob das nun ein Herumtragen ist, ein Miteinander-Reden, ein Dem-anderen-seinen-Kummer-sagen-Dürfen, oder mehr Hautkontakt, der gerade bei kleinen Babys oft gut tut, das muss jeder herausfinden. Es gibt da keine „Methode“. Im Gegenteil, manchmal bringt uns dieses Abhaken einer Methode mit ihren genauen Schritten eher weg von unserer eigenen Intuition.

 

Herr Dr. Renz-Polster, ein Video ging um die Welt. Ein Kinderarzt hat eine Griff entdeckt, mit dessen Hilfe sich ein Baby kinderleicht beruhigen lässt. Was sagen Sie dazu als Kinderarzt?

Es gingen schon viele Griffe und Tricks um die Welt. Wenn es wirklich so einfach wäre, einen bestimmten Knopf zu drücken, dann hätte der sich schon vor sehr langer Zeit unter Eltern herumgesprochen. Und eindeutig hätte dann die Evolution ziemlichen Mist gebaut. Wenn ein Baby weint, hat es ja doch einen ihm wichtigen, tiefer gehenden Kummer. Und den soll man durch einen Griff jetzt abschalten können? Das wäre vielleicht praktisch – aber gut für die Entwicklung des Kindes bestimmt nicht.

Ich denke mit diesem Wundergriff ist es wie mit den anderen Tricks, dem Pucken, dem Schnuller, dem Föngeräusch, dem Karp´schen Programm, den Tröpfchen und den automatischen Schaukeln und Wiegen – das alles mag eine Weile beruhigen und Erleichterung bringen, aber das Problem ist damit nicht gelöst. Inzwischen gibt es aber Gottseidank noch weitere Griffe, die zwar anders sind, aber auch hundertprozentig funktionieren. Wir Eltern haben also die Wahl – und vielleicht alle bald ganz ruhige Kinder ;-).

 

Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Vater von vier Kindern,  Buchautor und assoziierter Wissenschaftlicher am Mannheimer Institut für Public Health der Universtität Heidelberg.

 

Unter anderem veröffentlichte er die Bücher:
Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. Mit einem Vorwort von Remo Largo*

Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen*

Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken*

Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht*
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