Working Mom: Bindungsorientierung und Berufstätigkeit – geht das zusammen?

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Nach unserem ersten Artikel erreichten uns zahlreiche Anfragen, wie denn bitte schön Bindungsorientierung mit einer Berufstätigkeit der Mutter (!!! – da haben wir es schon wieder) zusammengeht.

Wir schreiben das Jahr 2016. Sollte da nicht die Frage “Kind oder Karriere” längst geklärt sein? Veraltete Ansichen sind passé und heute machen Frauen Karriere, heute sind Frauen den Männern gleichgestellt. Zumindest am Papier hat sich diese Änderung schon vollzogen, in der Praxis ist es doch so, dass die Kindererziehung auf den Schultern der Mutter “lastet”. Wir sind ganz klar dafür, dass jede Familie selbst entscheiden kann, wie sie die Themen Kinderbetreuung und Wiedereinstieg regeln will und dafür auch Unterstützung erfährt. Egal, ob sich Mutter oder Vater dafür entscheiden das Kind ausschließlich zu Hause zu betreuen oder ob sie sich für einen frühen Wiedereinstieg ins Berufsleben entscheiden, ob sie Teilzeit arbeiten oder sich die Karenzzeit aufteilen. Leider wissen wir von vielen Müttern, die gerne länger bei ihrem Kind zu Hause geblieben wären, es aber aus finanziellen Gründen nicht länger konnten. Es muss die Möglichkeit zu wählen, ohne einer schlechten Nachrede, wenn jemand früh ins Berufsleben zurückzukehrt oder sich jemand dafür entscheidet, lange beim Kind zu Hause zu bleiben, wenn man diesen Weg für seine Familie als den richtigen sieht.

 

Bindung ist kein Mutter-Ding

Immer wieder wird davon gesprochen, dass Kinder zu ihrer Mutter gehören. Und keine Frage, die Mutter ist für ein Kind auch wichtig. Aber:

Bindungorientierung ist kein Mutter-Ding, es ist ein Eltern-Ding. Es ist ein Geschwister-Ding. Ein Großeltern-Ding. Ein Babysitter-Ding.

Bis aufs Stillen, kann auch jeder andere, der mit dem Kind eine Beziehung aufbauen will, jede Rolle übernehmen: Die Oma kann genauso gut tragen, wie der Opa den Kinderwagen schieben. Die Geschwisterkinder können massieren, genauso wie die Tante das Baby mit der Flasche füttern kann. Und die Babysitterin kann das Baby ebenso in den Schlaf begleiten, wie der Papa, die Nachbarin oder sonst jemand. Wichtig ist, dass die Betreuungspersonen nicht ständig wechseln, je jünger das Kind ist. Es heißt auch nicht, dass Stillen, Tragen, Familienbett und Co. eine sichere Bindung garantieren – nein, es sind Bausteine, die den Aufbau einer sicheren Bindung begünstigen und unterstützen, aber sie sind kein Patentrezept. Jede Familie kann sich rausnehmen, was zu ihr passt. Es bedeutet also, dass Kinder, die mit der Flasche gefüttert werden, im eigenen Zimmer schlafen und Kinderwagen durch die Gegend geschoben werden, ebenso eine sichere Bindung zu ihren Eltern haben können wie Kinder, die im Familienbett schlafen und gestillt werden. Auch Kinder, die stundenweise vom Papa oder den Großeltern betreut werden, während der andere Elternteil arbeiten ist, können eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufbauen. Wichtig ist, dass und wie sehr ihre Bedürfnisse erfüllt und wie sie als eigenständige Person wahrgenommen werden.

Wenn ich gefragt werde, wie ich unseren Erziehungsstil beschreiben würde, dann wohl als bindungsorientiert, attachment parenting eben. Ich stolperte erst viel später über diesen Begriff, aber anscheinend konnte ich meinem Bauchgefühl gut vertrauen. Die Bedürfnisse meines Babys wahrzunehmen war mir ebenso selbstverständlich wie zu stillen oder mein Baby bei mir schlafen zu lassen. Als Rabenmutter eigentlich logisch, denn wer will nachts schon durch die halbe Wohnung ins Kinderzimmer hetzen wenn das Baby ruft? Genauso fühlte ich mich beim Tragen wohl, bei breifrei und anderen Dingen, die einer bindungsorientierten Elternschaft zugeschrieben werden. Ich fühlte mich aber auch sehr wohl mit dem Gedanken, möglichst bald wieder ins Berufsleben einzusteigen und ich hatte das große Glück, in meiner Familie Rückhalt und Unterstützung zu finden. Somit bin ich wohl eine “good enough mother”.

andre-sternBindungsorientierung und Berufstätigkeit – geht das zusammen?

Vereinbarkeit von Beruf und Familie heißt für uns, auf alle Bedürfnisse zu schauen. Und dabei geht es auch beim attachment parenting bzw. bindungsorientierter Elternschaft. Nicht nur die Bedürfnisse des Babys, dessen Bedürfnisse natürlich in den ersten Jahren im absoluten Mittelpunkt des Familiengeschehens stehen, sich aber mit der Zeit wandeln und anders verlagern, zählen. Es zählen auch die Bedürfnisse der Eltern, die sich vielleicht beide eine Stundenreduktion in der Arbeit wünschen und so mehr Zeit für die Familie haben oder sich dafür entscheiden, dass ein Elternteil Vollzeit arbeiten geht, der andere nur Teilzeit, der Vater übernimmt einen Teil der Karenz etc. Die Modelle sind so vielfältig und unterschiedlich, dass es eben nicht nur eine Lösung geben kann für alle.

Familie ist bunt! Vereinbarkeit ist bunt! Attachment parenting ist bunt!

Bedürfnisorientierung meint genau, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder berücksichtigt werden müssen und auf dieser Basis dann Entscheidungen getroffen werden. Wenn ich als Mutter als das Bedürfnis verspüre nach einigen Monaten wieder stundenweise in meinen Beruf zurückzukehren, dann ist das okay. Dafür muss ich mich weder rechtfertigen, noch schämen, noch bin ich deswegen eine Rabenmutter, die ihr Kind nicht liebt. Nein. Es ist nur ein Unterschied: Von mir wird erwartet, in der Mutterrolle glücklich zu sein und meine Erfüllung zu finden – dass der Papa der Kinder aber nach zwei Wochen Vollzeit in seinen Beruf zurückkehrte und ebenso Entwicklungsschritte verpasste, ist normal. Es ist eine Frage der Sichtweise und wie die Gleichberechtigung am Papier in der Praxis gelebt bzw. verurteilt wird.

Ich frage mich oft: Sind Eltern, die gerne arbeiten gehen würden aber aufgrund des gesellschaftlichen Drucks es nicht wagen und lieber beim Kind bleiben wirklich glücklich? Ich behaupte mal: Nein. Denn der Wunsch zu arbeiten und sich vielleicht einen Ausgleich zum Kinder-Alltag zu schaffen, wird nicht weniger, wenn die Zeit vergeht. Was sagen Männer immer so schön: “In der Arbeit erholen sie sich von der Familie.”

Doch wo sollen Frauen sich „erholen“? Oder steht es Frauen nicht zu, weil für sie die aufopfernde Mutterrolle bestimmt ist? Oder brauchen Frauen gar keine Erholung, weil sie ihr Kind so glücklich macht? Ja, diese Mütter gibt es bestimmt und das ist auch gut so. Es gibt aber auch Mütter, die sich eine Auszeit wünschen und diese sind deswegen nicht schlechter in ihrer Mutterrolle. Und immerhin war in der Menschheitsgeschichte Kindererziehung noch nie ein Einzelding, es war immer ein Gemeinschaftsding. Im Rudel.

Vereinbarkeit ist deswegen bindungsorientiert, weil IN einem Rudel jeder auch auf den anderen und sich selbst achtet.

Zusammenfassend: Eine sichere Bindung entsteht durch eine starke emotionale Bindung zu Mutter und Vater – daraus erfährt das Kind Sicherheit und Geborgenheit. Eine wichtige Basis, wenn wir uns mit der Vereinbarkeit von Bindungsorientierung und Fremdbetreuung befassen. Die sichere Bindung kann aber auch zu anderen engen Bezugspersonen entstehen. Was wir als Eltern aber auch brauchen ist Vertrauen in unser Kind.

 

Vertrauen als Basis für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Ich meine jetzt nicht das Vertrauen in die Einrichtung, in der das Kind einmal betreut werden soll, sondern ich meine das Vertrauen in unser Kind. Und dieses Vertrauen beginnt schon viel früher als bei der Eingewöhnung: Es beginnt in der Schwangerschaft, dass alles gut ist im Bauch. Es begleitet uns bei der Geburt, dass wir auf unseren Körper vertrauen können. Wir müssen wenn das Baby erstmal geboren ist darauf vertrauen, dass es weiß, wann es satt und müde ist. Wir brauchen keine Schlaflernprogramme und keine Apps, die das Weinen des Babys übersetzen. Das Vertrauen in unseren Körper stärkt uns auch beim Stillen, wenn wir manchmal das Gefühl haben, das Baby bekommt nicht genug Milch oder wird nicht satt, weil es immer noch weint. Zu vertrauen bedeutet auch, seinem Kind Zeit und Raum für seine Entwicklung zu geben und es nicht frühzeitig hinzusetzen, mit dem Gedanken, ihm etwas Gutes zu tun oder es schreien zu lassen, damit es lernt durchzuschlafen. Das Vertrauen in unser Kind und in uns ist die Basis für die Beziehung. Auf dieser Basis dürfen wir auch darauf vertrauen, dass sich unser Kind nach einer bindungsorientierten Eingewöhnung und nach dem Aufbau einer guten Beziehung zu einer anderen Person gut aufgehoben fühlt und die Trennung schafft. Kinder sind so wunderbare flexible Wesen, dass sie auch Bindungen zu anderen Personen aufbauen können – und wenn die Eingewöhnung, der Betreuungsschlüssel und das Erfüllen der Bedürfnisse passen, dann ist auch eine gute außerhäusliche Betreuung unter drei Jahren möglich. Es gibt bereits Einrichtungen, die auch Muttermilch per Flasche füttern oder über Tragehilfen verfügen, die sie dann bei den Kleinsten verwenden.

Trennung der Eltern ist ein immer häufigerer Risikofaktor, eine Belastung, die sicher gebundene Kinder dann normalerweise aushalten können, wenn sonst keine anderen Risikofaktoren vorhanden sind. Aber wenn ein Kind unsicher gebunden ist, und dazu in Fremdbetreuung ohne Sekundärbindung kommt, und dann auch noch die Familie zerbricht, dann können diese drei Risikofaktoren zusammen Kinder wirklich überwältigen und ihr Risiko für spätere soziale und seelische Störungen stark erhöhen. Das kann aggressives zerstörerisches Verhalten bedeuten, AD(H)S, – wohlgemerkt, mit drei Risikofaktoren, nicht einem sondern drei – schlechte Schulleistungen, Schulschwänzen, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Selbstverletzungsverhalten, wenig Einfühlungsvermögen, Selbstwertverlust, Unglücklichsein, Depressionen.“ (Bowlby, 2007)

Und eine Investition in eine sichere Bindung VOR der Eingewöhnung halte ich für sehr wichtig. Warum? Dazu gibt es Studien, die den Stresslevel bei Kindern in außerhäuslicher Betreuung untersuchen. Kinder reagieren auf die Trennung von ihren Eltern mit Stresshormonen. Und Stress begünstigt die Entwicklung des Kindes keinesfalls. Somit ist nicht nur Zeit für den Aufbau einer Bindung zur PädagogIn wichtig, sondern auch die eigene Bindung zum Kind, die gestärkt werden soll, damit das Kind voller Vertrauen und mit dieser Grundlage sich neuen Herausforderungen stellen kann.

Nicht nur beim Wiedereinstieg ins Berufsleben, auch im Kontext der Eingewöhnung und der Fremdbetreuung taucht immer wieder die Frage auf, ob denn ein bindungsorientierter Lebensstil mit Fremdbetreuung überhaupt zusammenpasst. Darüber haben wir bereits einen Artikel verfasst, den ich dir gerne ans Herz legen möchte: Bindungsorientierte Eingewöhnung in Krippe und Kindergarten

 

Worum geht es unterm Strich?

Unterm Strich geht es darum, dass jede Familie eine geeignete Lebensform findet, die zu ihnen passt: Für viele gehört die Erwerbstätigkeit in diesem Kontext und eine schnelle Rückkehr ins Berufsleben einfach dazu. Ich habe nicht das Gefühl eine schlechtere Mutter zu sein, weil ich von 9-14 Uhr einem Job nachkomme, den ich sehr gerne mache und dann den Nachmittag gelassen mit meinen Kindern verbringe mit dem Gefühl, im Gleichgewicht zu sein. Es tut uns gut. Zumindest sehe ich bei meinen Kindern kein Anzeichen, dass es ihnen bei der außerhäuslichen Betreuung schlecht geht – wir waren bei der Auswahl sehr kritisch und haben es nicht bereut. Wir haben in der Einrichtung ein erweitertes Wohnzimmer für unsere Kinder gefunden, einen Ort, an dem sie sich wohl und geborgen fühlen, an dem ihre Bedürfnisse ernst genommen werden und wo individuell auf sie eingegangen wird. Das halte ich für sehr sehr sehr wichtig, wenn es um die Betreuung von sehr jungen Kindern geht. Wenn wir dann am Nachmittag lachen, kuscheln, ich ihnen vorlese, sie abends in den Schlaf begleite und sie nachts zu uns ins Bett kriechen, dann mache ich nichts anderes als früher, aber mit einem Unterschied: Ich bin glücklich mit dem Ausgleich und ich kann sagen, ja, wir haben unseren Weg als Familie gefunden.

 

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