Mythos: Babys brauchen mit 6 Monaten keine Nahrung mehr

Interessantes und Wissenswertes zum Thema Durchschlafen

Diese Frage kennen wohl alle Eltern: „Und, schläft dein Baby schon durch?“ Was wie ein klassisches Smalltalkthema klingt, scheint doch ein wichtiges Erziehungsziel unserer Gesellschaft zu sein.  Nur was soll man darauf antworten? Was ist Durchschlafen überhaupt und was darf man von seinem Baby erwarten?

Von den zu hohen Erwartungen

In unserem Kulturkreis werden Mütter von Behauptungen wie, dass ein Baby schon mit vier bis fünf Monaten durchschlafen könnte und ab sechs Monaten keine Milch mehr braucht, unter Druck gesetzt. Damit werden Hoffnungen und Druck aufgebaut, die dann dazu führen, dass sich die Eltern als Versager fühlen, wenn das Baby diesen Erwartungen nicht entspricht. Warum schläft das Baby der Nachbarin schon durch und meines noch nicht? Was mache ich denn falsch? Was machen andere Mütter besser, damit ihr Baby schläft? So beginnt das Experimentieren mit verschiedenen Methoden: Einen Schnuller geben, Tee oder Wasser statt Stillen oder Milch, in den Schlaf tragen, nicht mehr aus dem Bett nehmen – aber nicht, um den Bedürfnissen des Babys gerecht zu werden, sondern um das eigene Gewissen zu beruhigen. Manchmal klappen diese Hilfen, manchmal eben nicht. Eltern fühlen sich zwischen gesellschaftlichem Zwang und Fürsorge hin- und hergerissen. Schließlich wollen sie weder ihr Kind verwöhnen, es in seiner Selbständigkeit einschränken oder seine Entwicklung hindern – doch braucht es nicht genau Fürsorge, Empathie und Zuwendung um selbstbewusst zu werden?

Doch was bedeutet Durchschlafen eigentlich?

Laut Moore 1957 können 70% der Babys ab 3 Monaten etwa 5 Stunden an einem Stückschlafen – sie wachen also nach einer Schlafphase, die etwa eine Stunde dauert, kurz auf und finden ohne Unterstützung wieder in den Schlaf. Bei einem Baby spricht man von Durchschlafen, wenn es 4-5 Stunden am Stück schläft – so zumindest laut der Schlafforschung. Und selbst diese 4-5 Stunden müssen nichts nachts sein – das kann auch das Nickerchen am Nachmittag sein. Eltern hingegen meinen: Das Kind wird um 19 Uhr ins Bett gebracht und schläft dann bis zum nächsten Morgen um 7 Uhr ohne Unterbrechung und Meckern. Die meisten Eltern haben dazu aber ihre eigene Definition und Sichtweise: Gerechnet von der letzten Still- oder Flaschenzeit, gerechnet vom Niederlegen und auch das Ende der Nacht wird unterschiedlich gesehen. Durchschlafen ist also nicht gleich durchschlafen.

Das heißt natürlich nicht, dass manche Babys nicht schon mit 4 Monaten 12 Stunden durchschlafen können – das ist wunderbar und eine große Entlastung für die Eltern! Es gibt diese Babys, die einfach durchschlafen – ob gestillt oder mit Flasche. Aber der Großteil der Kinder meldet sich nachts und fordert Aufmerksamkeit und Nahrung. Dahinter steckt kein Fehlverhalten der Eltern und es besteht kein Grund, nach einer Ursache zu suchen –  das ist der natürliche Schlafrhtyhmus unserer Babys, der ihren schon immer das Überleben sicherte. Dass Babys uns auch nachts brauchen ist ein normaler Teil ihrer Entwicklung. Es ist nur ein Unterschied, ob das Baby von selbst 12 Stunden durchschläft oder ob die Eltern mit ihm das Durchschlafen „üben“ oder glauben, dass sie ihrem Baby das Durchschlafen lernen müssen, sobald es sechs Monate alt ist. Jedes Baby ist anders – das eine schläft früher durch, das andere Baby erst später.

Die Fähigkeit längere Zeit in einem Stück durchzuschlafen entwickeln Babys mit zunehmender Reife – bei den einen ist es früher, bei den anderen später.

 

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Mythos: Babys mit 6 Monaten brauchen keine Nahrung mehr

Bis zu 6 Monaten stehen es die meisten Eltern ihren Kindern zu, sich nachts zu melden und nach Nahrung zu verlangen. In unseren Köpfen hat sich diese 6-Monats-Grenze als magisches Datum des Durchschlafens fest manifestiert und ich bin sicher, dass der Stichtag „6 Monate“ von vielen Eltern herbeigesehnt wird. Doch aus welchem Grund sollten Babys ausgerechnet mit 6 Monaten nachts keine Nahrung mehr brauchen? Gerade dann, wenn die motorische Entwicklung so richtig beginnt und sie dafür mehr Kraft und Energie brauchen?

Was passiert um den sechsten Lebensmonat? Babys erweitern ihren sozialen Horizont. Sie lernen zwischen fremden und vertrauten Menschen zu unterscheiden und beginnen somit mit dem klassischen „Fremdeln“. Die Angst, die hier dahintersteckt, die Achtmonatsangst- führt häufig zu unruhigeren Nächten. Auch wenn Kinder zur Freude ihrer Eltern in den ersten Monaten schon gut durchgeschlafen haben kann es sein, dass sie jetzt nachts aufwachen und sich versichern, dass alles in Ordnung ist. Ein kurzes Nuckeln an der Brust, eine vertraute Stimme oder die Nähe einer vertrauten Person genügen oft schon aus, dass das Kind wieder weiterschläft. Neben dieser Entwicklung kommt noch die Motorik hinzu, die sich nun in den kommenden Wochen rasant entwickelt, die Zähne machen sich häufig bemerkbar und auch die ersten Infekte treten auf.

Aber noch etwas ist nicht zu vergessen: Im ersten Lebensjahr verläuft die Entwicklung rasant: Innerhalb von 6 Monaten verdoppeln Kinder ihr Geburtsgewicht, bis zum ersten Geburtstag haben sie es verdreifacht. Um dieses enorme Wachstum überhaupt zu schaffen brauchen Kinder Energie, die sie in Form von Milch zu sich nehmen – manche Kinder brauchen die 4-fache Menge an Kalorien wie andere Babys! So ist klar, dass die pauschale Behauptung, dass Kinder mit 6 Monaten nachts keine Milch mehr benötigen, nicht gehalten werden kann. Der leichte Nachtschlaf der Babys ist für ihre Entwicklung positiv – sie nehmen um ein Drittel mehr Kalorien zu sich wenn sie nahe an ihrer Mutter schlafen als Kinder, die nachts im eigenen Bett liegen.  Es ist ein weit verbreiteter Gedanke, dass Babys ab sechs Monaten nachts nicht mehr aufwachen und auch keine Nahrung mehr brauchen. Dieser Gedanke entspringt jedoch in keinster Weise dem natürlichen Verhalten und den Bedürfnissen eines Babys. Studien haben gezeigt, dass 10 Monate alte Babys rund 25% der Muttermilchmenge nachts aufnehmen – da ist es naheliegend, dass auch Babys mit sechs Monaten nachts noch hungrig sind und nach der Brust oder der Flasche verlangen.

Auch in der Ratgeberliteratur wird dieser Gedanke unterstützt. Ein Beispiel aus dem Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“:

„Wenn Ihr Baby sich sicher bisher noch nicht an regelmäßige Schlaf- und Wachzeiten gewöhnt hat, brauchen Sie nun auf keinen Fall länger abzuwarten. Sie können sicher sein: auch bei Ihrem Baby ist die biologische Reifung soweit abgeschlossen, dass es nachts nichts mehr zu trinken braucht und ca. 11 Stunden hintereinander schlafen kann.“

Aber auch Johanna Haarer hat in ihrem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ klar Stellung bezogen:

„Zur letzten Abendmahlzeit muss das Kind vielfach geweckt werden, die Zeit dafür ist etwa 19 Uhr. Vom dritten Vierteljahr an kann beim gesunden Kind ohne weiteres erreicht werden, dass es mit 4 Mahlzeiten auskommt und 12-stündige Nachtruhe durchhält.“ 

Immerhin wurde ich Ratgeber 1996 zum ersten Mal herausgebracht und „Jedes Kind kann schlafen lernen“ ist noch immer ein Bestseller – da wundert es nicht, wenn sich dieser Gedanke hartnäckig hält. Nur: Kein Programm passt zu jedem Kind. Es gibt kein Patentrezept, sondern es muss immer das Kind als Individuum betrachtet werden.

Würde ein Baby im Alter von 6 Monaten keine Nahrung mehr erhalten, würde es definitiv nicht verhungern. Doch was steckt dahinter, dass immer noch 60%-70% aller Babys aufwachen? Und vielleicht wieder öfters nach Nahrung verlangen? Ja es gibt Kinder, die mit sechs Monaten nachts keine Nahrung mehr brauchen, aber es gibt genauso viele, die einfach noch nicht so weit sind. Genauso wie manche Kinder schon mit 10 Monaten laufen lernen und andere erst mit 17 Monaten, ist auch das Durchschlafen ein individueller Lernprozess. Diese Entwicklung lässt sich nicht beschleunigen, sondern braucht eine liebevolle Begleitung. Wenn ein 11 Monate altes Kind nachts noch zügig an der Brust seine zwei nächtlichen Stillmahlzeiten trinkt, dann gehen wir davon aus, dass es Hunger hat – egal, was andere Babys machen und egal, was in Büchern geschrieben steht. Wir halten es aus diesem Grund nicht für sinnvoll, aufgrund von gesellschaftlichem Zwang oder irgendwelchen Ratschlägen einem Kind im ersten Lebensjahr die nächtliche Mahlzeit abzugewöhnen, die Milchflasche mit Wasser zu verdünnen oder es für ein Wochenende zu den Großeltern zu geben. Es bleibt Eltern nicht viel anders übrig, als ihre Kinder durch diese Phase zu begleiten und geduldig zu bleiben. Entscheiden sich Mütter hingegen dafür abzustillen oder die Flasche abzugewöhnen, dann ist dies keineswegs ein Garant dafür, dass das Kind dann schläft – es kann funktionieren, muss aber nicht. Vielleicht gibt es dann andere Gründe, warum dein Baby weiterhin aufwacht und deine Begleitung in die nächste Schlafphase braucht.

Wir sind überzeugt, dass ein Kind weiß, was es braucht. Und wenn ein Kind mit 9 Monaten nachts noch zweistündlich gestillt werden möchte oder nach einer Flasche verlangt, dann wird es dafür einen Grund geben. Dieser hat nichts mit Verwöhnen zu tun sondern mit einem Bedürfnis, denn ein Baby kann im ersten Jahr nicht verwöhnt werden.

Das Durchschlafen erzwingen?

Aus Verzweiflung oder aufgrund zu wenig Wissen über die Entwicklung eines Kindes, aber sicher auch aus Überzeugung, lassen viele Eltern ihre Babys schreien und wenden eines der Schlaflernprogramme an, die es am Markt gibt. Wir von welovefamily distanzieren uns klar von dieser Haltung und empfehlen es nicht. Warum kannst du in unserem Artikel „Jedes Kind kann schlafen“ nachlesen.

Kurz: Dass die Methode Wirkung zeigt ist klar, denn Babys sind nicht dumm. Irgendwann hören sie auf zu weinen und schlafen ein: aus Überschöpfung und aus Selbstschutz. Denn wer schon alleine und schutzlos ist, sollte nicht so mehr auf sich aufmerksam machen, um gefährliche Tiere anzulocken. Ja, da ist sie wieder, die Evolution, die einem beim Kinderthema immer wieder einholt.

 Lesetipps zum Thema „Schreien lassen“:

Interview mit Dr. Renz-Polster: Das passiert, wenn du dein Baby schreien lässt

Schreien lassen oder warum uns Stress krank macht

 

Diesen Selbstversuch möchten wir dir noch ans Herz legen:

Natürlich kannst du die Schlafumgebung für dein Kind ansprechend gestalten und so das Durchschlafen unterstützen:

  • Dein Baby sollte müde sein: Achte auf seine Signale und den individuellen Schlafrhythmus
  • Dein Baby möchte es warm haben
  • Dein Baby fühlt sich in deiner Nähe am wohlsten
  • Dein Baby muss entspannt sein, um schlafen zu können

Es gibt keine einfache Lösung, damit ein Baby durchschläft. Wenn du dir nun ein Patentrezept oder eine Schritt-für-Schritt-Anleitung erwartet hast, dann müssen wir dich enttäuschen. Es ist nervenaufreibend und anstrengend, über Wochen und Monate ohne Schlaf auszukommen und es fordert viel Energie. Es gibt keine einfache Anleitung, aber es gibt einen kindgerechten Weg statt einen, der sich gegen das Kind richtet. Manchmal hilft es, die Situation einfach so anzunehmen wie sie ist und die Erwartungen an das Durchschlafen fallen zu lassen. Viel zu oft werden wir von unseren Vorstellungen beeinflusst und es scheint dann so, als wäre das Kind das Problem. Und auch wenn wir von welovefamily ein Familienbett unterstützen, so wissen wir auch, dass diese Schlafmöglichkeit nicht für alle Familien passt und nicht jeder diese 24h-Nähe aushält. Und das akzeptieren wir auch. Probiere verschiedene Möglichkeiten aus, etwa ein Beistellbett oder ein Gitterbett im Elternschlafzimmer. Manche Kinder schlafen hier besser und ruhiger als im Elternbett. Die Anspannung der Eltern oder die Unzufriedenheit mit der Situation überträgt sich auch auf das Baby. Wünschenswert ist, dass alle Familienmitglieder mit der Schlafsituation zufrieden sind und erholsamen Schlaf finden.

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