„Wie war dein Tag?“ – Die Wahrheit

Erst heute ertappte ich mich wieder dabei, wie ich auf die Frage „Wie war dein Tag?“ statt der Wahrheit einfach nur „Er war so okay“ sagte. Es stimmte aber nicht. Eigentlich müsste ich sagen:

„Beschissen, danke der Nachfrage. Nach einer anstrengenden Nacht mit einem ich-schlafe-nicht-länger-als-2-Stunden-Baby, eine leeren Kaffeemaschine morgens, einem Run gegen die Kommode im Halbdunkel und einem gleich nach dem Anziehen frisch mit Muttermilch angekotztem T-Shirt, habe ich Ewigkeiten gebraucht, in die Gänge zu kommen. Minimum ließ sich nicht ablegen, sondern nur an der Brust beruhigen und ich habe es nicht vor 11 Uhr geschafft, etwas zu essen, zu trinken oder das stinkende T-Shirt zu wechseln. Ich hatte Hunger, Durst und das Bedürfnis nach einer Dusche. Als Minimum dann endlich in den lang ersehnte Tiefschlafphase fiel, hüpfte ich unter die Dusche, schmierte im Rekordtempo ein Butterbrot und verschlang eine Banane, machte mir einen Grüntee, notierte auf dem Einkaufszettel dass Kaffee fehlt und dringend gekauft werden muss, entdeckte, dass wir keine Windeln mehr haben und wurde in meinem wilden Treiben vom Klingeln des Postlers unterbrochen. Der damit auch das Baby aufweckte, das sofort wieder wie eine Alarmanlage aufheulte. Ende im Gelände. Unwissend öffnete ich halb nackt die Tür und bemerkte diesen Umstand erst nach den prüfenden Blicken des Postlers. Zu spät. Ich erklärte nur: Anstrengende Nacht, nicht geschlafen.

Er ging wieder. Zum Glück. Peinlichkeiten kenne ich nicht mehr. Schamgefühl ist vorüber, als mich mindestens 5 angehende Turnusärzte bei der Geburt beobachteten. Von vorne natürlich. Erste Reihe fußfrei. Popcorn hätte man ihnen noch in die Hand drücken sollen. Wahrscheinlich dachten sie frei nach Mr. Spock: Faszinierend. Zumindest ihren Blicken nach zu urteilen. Dazu noch einige weitere Ärzte während der Schwangerschaft und beim Stillen gab es sich auch gut 50 Personen, die sich an einem Nippelflitzer erfreuten. Deutlich mehr als in meinen besten Single-Zeiten…..

Das Baby schrie mal fröhlich weiter, ohne Unterbrechung.  Ich hüpfte schnell in meine Jogginghose, in ein frisches T-Shirt und packte Minimum in die Trage, um ungeschminkt, unfrisiert und mit tiefen Augenringen Windeln einkaufen zu gehen, die eigentlich du hättest mitnehmen sollen. Es war mir scheißegal, warum mich die anderen so komisch anstarrten, ich wollte nur wieder in meine kleine Höhle und mein Kind von seiner stinkenden Windel befreien, die sie mittlerweile gut gefüllt hat. Unüberriechbar.

Der Stillmarathon setzte sich dann zu Hause fort und ich verbrachte die nächsten Stunden hungrig, verzweifelt und mit einem Anflug von Sentimentalität, mich überkommender Einsamkeit und dem Gefühl eine grauenvolle Mutter zu sein auf dem Sofa. Ich hätte dich gebraucht, dass du mir mal für 10 Minuten dieses schreiende Bündel abnimmst, das sich einfach nicht beruhigen ließ. Beim Stillen schlief ich völlig übermüdet immer wieder ein, sodass Minimum die Brustwarze verlor und wie verrückt aufschrie. Es war zum aus-der-Haut-fahren.

Und wie war dein Tag?“

Wieviel Wahrheit möchtest du wirklich wissen?

Meistens erzählt man seinem Partner nicht den ganzen Tag – aber dürfte es nicht ein wenig mehr Ehrlichkeit sein? Muss man als Fragender nicht irgendwie damit rechnen, dass sich das Gegenüber auf diese Frage hin einfach mal auskotzt statt versucht den Schein der anscheinend „schönsten Zeit im Leben“ aufrecht zu erhalten oder den Partner nicht noch mehr zu belasten? Ist es nicht in Ordnung zu sagen, dass es einem schwerfällt den ganzen Tag ohne Erwachsenenansprache auszukommen und das Gefühl zu haben, jede Herausforderung irgendwie alleine meistern zu müssen? Stattdessen fasst man es mit „Gut“ oder „Nicht so gut“ zusammen, vielleicht noch ergänzt um ein „anstrengend“. Genau da liegt jedoch das Problem: Mein Tag war voll von verschiedenen Gefühlen und Emotionen: Freude, Frust, Überforderung, Hilflosigkeit, Erfolge, Niederlagen und Peinlichkeiten. Statt mich also zu fragen, wie mein Tag war, frag mich doch lieber, worüber ich mich gefreut habe. So erinnere ich mich wenigstens kurz an die positiven Dinge oder finde sie überhaupt erst. Denn nach einem beschissenen Tag wie diesem tut es gut, sich auf das Positive zu konzentrieren.

Das gilt übrigens auch für Kinder. Statt sie zu fragen, wie ihr Tag im Kindergarten/Schule war, frag doch einfach, worüber sie sich am meisten gefreut haben, was am interessantesten war, was am meisten Spaß machte, was ein wenig schwierig war oder wobei sie Hilfe brauchen. So entstehen nicht nur viel bessere Gespräche, sondern man hat die Chance, den Tag durch einen anderen Blickwinkel zu betrachten.

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