„Wenn du jetzt nicht kommst, geh ich alleine weiter“

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Der Satz „Wenn du jetzt nicht kommst, geh ich alleine weiter“ gehört wohl zu den gemeinsten und furchtbarsten Drohungen, die Eltern aussprechen können. Warum? Weil Eltern mit der Angst des Kindes spielen und mit der Angst des Kindes alleingelassen zu werden. Auch, wenn wir ihn wahrscheinlich alle als Kinder gehört und überlebt haben – aber das macht ihn nicht besser.

Wahrscheinlich werden jetzt viele Leser mit den Augen rollen und sich denken, was wissen die schon. Das passiert immer dann, wenn wir Erziehungsmuster in Frage stellen, die wir selbst erlebt haben. Keinesfalls ist das als Angriff gemeint und es hat auch nichts mit fehlender Empathie gegenüber Eltern und den alltäglichen Herausforderungen zu tun. Woher dann aber die Missverständnisse kommen?

Alles eine Frage der Einstellung?

Ich führe es auf eine unterschiedliche Haltung Kindern gegenüber zurück. Eine Haltung ist selten greifbar, sie kann nicht nachgelesen werden eingeübt werden. Es ist keine ToDo-Liste und es gibt auch keine Patentrezepte – es ist eine stetige Arbeit an sich selbst, verbunden mit viel Reflexion und Akzeptanz des inneren Kindes. Dafür braucht es Zeit, Ausdauer und Offenheit. Wir gehen davon aus, dass ein Kind  niemals das Gefühl haben sollte, seine Eltern würden einfach verschwinden und es stehen lassen.

Es geht in diesem Artikel nicht darum, Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen – sondern wir wollen dazu anhalten darüber nachzudenken, was dieser Satz mit unseren Kindern macht und wie er sich auf unsere Beziehung aufwirkt. Ich spreche mich nicht frei davon, ihn bei meinen Kindern auch schon gesagt zu haben, weil ich einfach nicht mehr weiterwusste. Aber jeder hat die Chance, seine eigenen Erfahrungen zu reflektieren, sie zu hinterfragen und neu aufzugreifen – wir müssen uns dazu nur bewusst sein, in welchen subtilen und perfiden Äußerungen wir unsere Macht ausnützen und unsere Kinder „erpressen“.

Wie das mit den Drohungen funktioniert

Ob am Spielplatz, beim Arzt im Wartezimmer, im Supermarkt, auf der Straße – überall höre ich Eltern, die ihren Kindern drohen einfach weiterzugehen. Wenn Eltern keine Lust mehr haben auf ihre Kinder zu warten oder sie nicht dazu bewegen können weiterzugehen, dann sagen sie: „Wenn du jetzt nicht kommst, geh ich alleine weiter“. Und hey, es funktioniert. Sofort kommt das Kind – meist ein wenig weinerlich – auf einen zugelaufen und die Eltern sind zufrieden, dass sie weitergehen können. Situation gemeistert, oder?

Ja, könnte man meinen. Aber für welchen Preis? Wenn man möchte, dass sein Kind blinden Gehorsam lernt und erfährt: „Entweder tust du, was ich sage, oder du musst schauen, wie du vorankommst.“, dann ist die Situation gelöst.

Sind Drohungen etwa Gewalt?

Es ist in den Kinderrechten verankert, dass Kinder ein Recht auf eine gewaltlose Erziehung haben. Wenn es dabei um physische Handlungen geht, dann hat es sich zumindest bei vielen Eltern herumgesprochen, dass die gesunde Watsch’n oder ein Klaps auf den Po eine Grenzüberschreitung und keine adäquate Erziehungsmaßnahme sind. Bei vielen, leider noch lange nicht bei allen. Aber wie ist es mit verbalen Erpressungen und Drohungen?

Wenn Eltern ihrem Kind drohen es alleine stehen zu lassen und wegzugehen, dann ist es eine Drohung und eine Erpressung, weil sie damit erzwingen, dass ihr Kind mitkommt. Es ist Gewalt, obwohl das Kind nicht einmal angefasst wurde. Ja, es wurde nicht einmal geschrien, die Mutter wurde nicht laut nd erhebte ihre Stimme nicht. Aber dennoch ist es Gewalt, wenn auch sehr subtil.

Was sich jetzt vielleicht „übertrieben“ anhört, sind jedoch genau die Empfindungen des Kindes: Das Kind glaubt in diesem Moment tatsächlich, dass die Mama oder der Papa weitergehen. Alleine. Und was tun sie? Sie laufen hinterher. Die Drohung wird immer und immer wieder ausgesprochen, weil sie ja wirkt. Aber irgendwann lässt ihre zuverlässige Wirkung nach und was passiert dann? Es folgt eine Steigerung: Kommt das Kind jedoch nicht gleich, dann wird der Drohung auch noch Nachdruck verliehen und die Eltern gehen tatsächlich ein paar Schritte weiter oder – noch schlimmer – sie verstecken sich. Sie simulieren also, dass sie weg sind. Was für uns Erwachsene wie ein harmloses Spiel aussieht, bedeutet für Kinder eine große Stresssituation, denn das Kind weiß nicht, dass die Mutter oder der Vater nach wenigen Sekunden hinter der Hausmauer wieder auftaucht. Für dein Kind ist die Situation ernst und nichts, was einfach heruntergespielt werden sollte.

Letztens habe ich in einer Mama-Gruppe gelesen:

„Ich drohe nicht, ich gehe dann wirklich weiter und siehe da, das Kind kommt dann ganz schnell nachgelaufen. Ich finde das jetzt auch nichts so furchtbar schlimm, auch wenn ich eigentlich vom „Drohen“ nichts halte…..“

Doch, es ist schlimm und keineswegs so harmlos, wie wir Erwachsenen es empfinden. Wir als Erwachsene haben die Aufgabe, die Bedürfnisse und Ängste unserer Kinder ernst zu nehmen und darauf zu reagieren. Darauf verlässt sich unser Kind. In einer gleichwürdigen Beziehung, in der das Kind mit seinen Bedürfnissen, Wünschen und Ängsten gesehen, angenommen und respektiert wird, haben solche (leeren) Drohungen nichts zu. Sie bringen ein Machtgefälle in die Beziehung, weil wir Erwachsene unsere Position ausnützen. Bewusst ausnützen. Denn wir wissen im Vorfeld, dass die Drohung funktioniert. Wir wissen aber auch, dass wir gar nicht wirklich gehen würden, oder? Würdest du dein Kind an einer dicht befahrenen Straße einfach stehen lassen? Wohl kaum. Dein Kind weiß das aber nicht.

kind-straßeVerlassen zu werden löst Urängste aus

Verlassen zu werden ist eine der allerschlimmsten Ängste, die Kinder empfinden können. Das Kind hat Ängste, Urängste. Damit will ich dir nun keine Angst oder ein schlechtes Gewissen machen, sondern das ist eine Tatsache. Es ist von der Evolution nicht so gedacht, dass Kinder alleine gelassen werden. Sie brauchen eine Gemeinschaft, sie brauchen Menschen, die sich um sie kümmern und sie brauchen vor allem verlässliche Bezugspersonen, zu denen sie immer zurückkommen können. Im Normalfall sind das Mama und Papa. Und genau die drohen dem Kind an, es zu verlassen. Das Kind steht unter großem Stress und jene Funktionen, die für „Flucht“ vorgesehen sind, werden aktiv. Wie sich dieser negative Stress auf unsere Kinder auswirkt, haben wir bereits in unserem Artikel „Schreien lassen oder warum uns Stress krank macht“ geschrieben. Erst ab etwa 3 Jahren haben Kinder die Objektpermanenz so weit entwickelt, dass sie auch wissen, ihre Eltern sind nicht verschwunden, wenn sie sich verstecken. Davor sind die Eltern weg, wenn das Kind sie nicht sieht. Bei jeder Eingewöhnung werden die Eltern dazu angehalten sich von ihrem Kind zu verabschieden und nicht einfach zu verschwinden – und in dieser Situation wird die Angst bewusst eingesetzt um zu erreichen, was man will. Erwachsene spielen mit der Angst vor dem Verlassen werden, wenn sie ihrem Kind drohen alleine zu gehen und das Kind einfach stehen zu lassen. Welche anderen Möglichkeiten hat das Kind denn als nachzulaufen? Es ist sich seiner Abhängigkeit zu uns bewusst und wird alles dafür tun, sich zu schützen. Es wird seinem Leuchtturm und Leitwolf nachlaufen – aber nicht, weil es gelernt hat mitzukommen, sondern aus einer Angstsituation heraus. Es geht ein Stück Vertrauen verloren.

Kinder hören uns genau zu, auch, wenn sie nicht immer gleich danach handeln

Wobei, eine andere Möglichkeit gibt es noch: Das Kind geht.  Diese Situation habe ich neulich im Kindergarten beim Abholen beobachtet, als Kind 1 nicht mitgehen wollte und die Mutter sagte: „Gut, dann gehe ich eben alleine.“ Sie ging aber nicht weg, sondern einen Stock höher um Kind 2 abzuholen. Das wusste Kind 1 nur nicht. Ich blieb sitzen und wartete, was Kind 1 nun tun würde. Und siehe da: Es zog sich an und machte sich auf in Richtung Tür. Keiner hinderte das Kind daran, denn die Pädagogin dachte, es sei schon abgeholt. Ich ging hinterher und siehe da: Kurz vor der Tür zögerte Kind 1 ein wenig, drehte sich noch einmal um. Ich konnte richtig merken, wie es all seinen Mut zusammennahm und die Tür öffnete (ja liebe Eltern, deswegen gibt es den Türknauf, damit Kinder nicht so einfach hinausgehen können). Mir war klar, dieses kleine Kind, etwa 3 Jahre alt, fühlte sich in dieser Situation nicht wohl. Als das Kind dann aber niemanden sah, ging es zur Tür hinaus. Ich hinterher, um es aufzuhalten. Im Hintergrund hörte ich schon, wie der Mutter das Fehlen ihres Kindes auffiel und es mit Angst in der Stimme den Namen rief. Ich führte Kind 1 zurück zu seiner Mama. Die Mutter war völlig aufgebracht und schimpfte wütend auf Kind 1 ein, wie ihm denn so etwas einfallen könne, einfach zu gehen. In meinen Augen unangebracht. Da entgegnete Kind 1: „Du hast du gesagt, du gehst alleine. Ich habe gedacht, du bist schon weg.“

Ich glaube, diese Mutter hat an diesem Tag eine wichtige Lektion gelernt: Unsere Kinder nehmen sehr ernst, was wir ihnen sagen. Sie hören uns zu, auch, wenn sie nicht gleich so handeln, wie wir es uns wünschen oder es gerne hätten. Es ist unseren Kindern nicht egal, wie wir mit ihnen umgehen. Wir spielen in ihrem Leben eine große Rolle und sollten uns dessen bewusst sein: Unser Handeln und unsere Worte bewegen etwas in ihnen. Doch es muss ein schrecklicher Gedanke sein, dass einen die Eltern einfach zurücklassen, den Kinder dann mit sich herumtragen. Und eigentlich nur wegen einer leeren Drohung, die niemand wahr machen würde.

kind-tragen-müdeWas kannst du stattdessen tun?

Nun, es ist nicht immer leicht Kinder zum Weitergehen zu motivieren.  Dazu gibt es nicht nur viel zu viel interessante Entdeckungen zu machen, sondern auch schlechte Tage. Da stören dann plötzlich die Wolken am Himmel, der Wind bläst zu stark und die Beine sind zu müde. Es sind Kinder und sie dürfen so sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir als Erwachsene das Recht haben unsere vermeintliche Machtposition auszunutzen und sie emotional zu erpressen.

Wie immer gibt es auch hier kein Patentrezept – jedes Kind ist anders. Oft ist Kreativität gefragt, was du stattdessen tun kannst und was dein Kind gerade annehmen kann. Unter Termindruck und wenn du gestresst bist, oder wenn du mit einem Kleinkind und schreienden Säugling unterwegs bist, dann fallen dir die besten Ideen vielleicht gar nicht ein, weil du unter Strom stehst. Genau dann passiert es, dass du diesen Satz anwendest – ich halte es für sehr menschlich, denn niemand kann in jeder Situation immer so reagieren, wie es am besten wäre. Wir greifen in stressigen und anstrengenden Situationen immer auf Erziehungsmuster zurück, die wir selber erfahren haben – doch du hast die Chance, es zu ändern. Überlege in einem Moment der Ruhe, was für dich und dein Kind besser gewesen wäre: Mehr Zeit einplanen,  ein Laufrad mitnehmen, die Trage einpacken, mehr Spiele einbauen….. Sag deinem Kind immer genau, was du erwartest, statt eine leere Drohung auszusprechen.

Ich kenne diese ganzen Situationen mit drei Kindern nur zugut und weiß, dass jetzt viele Eltern die Augen verdrehen oder den Kopf schütteln, weil ihnen dieser Satz auch nicht geschadet hat. Mir schon. Vielleicht hat er mir nicht geschadet, aber ich kann noch gut nachfühlen, wie ich mich dabei fühlte, als meine Mutter einfach weiterging.Es waren nur ein paar Schritte, aber ich fühlte mich klein, hilflos und abhängig. Diese Situation hat mit mir etwas gemacht – deswegen ist es mir nicht egal. Und deswegen suche ich immer wieder nach Alternativen, denn ein Patentrezept gibt es dafür nicht. Ein paar Möglichkeiten, die bei uns gut geholfen haben, möchte ich dir aber dennoch verraten und vielleicht kannst du beim nächsten Mal etwas davon probieren:

  • Mehr Zeit einplanen: Es gelingt mir nicht immer. Aber ich achte immer darauf, mehr Zeit einzuplanen – denn mit Kindern (und ohne Kinderwagen oder Trage) kann immer etwas dazwischenkommen. Es gibt so viele Dinge, die einfach spannender sind als weiterzugehen – dafür plane ich Zeit ein und nehme meinen Kindern nicht die Chance, ihre Welt zu entdecken. So befreie ich mich selbst von dem Zeitdruck und kann gelassener bleiben.
  • Gemeinschaft: Kinder wollen Gemeinschaft erleben und nicht Ausgrenzung. Statt „Wenn du jetzt nicht kommst…..“ sage ich: „Ich möchte, dass wir zusammen bleiben.“ und strecke ihnen die Hand entgegen. Sie kommen (meistens) mit.
  • Wenn sie dennoch „bockig stehen bleiben“, nehme ich mir die Zeit, gehe auf sie zu, auf Augenhöhe und versuche den Grund zu finden, warum sie nicht weitergehen wollen. Haben sie vielleicht etwas Spannendes entdeckt und wollen es noch weiter beobachten? Sind ihre Beine schon zu müde? Haben sie Hunger? Dann kann ich mit ihnen darüber sprechen und Alternativen suchen.
  • Macht daraus ein Spiel: Zugegeben, das klappt wirklich nur mit Kleinkindern – irgendwann wird es den Kindern dann zu peinlich. Aber irgendwann bleiben sie auch nicht mehr stehen. Sie galoppieren dann wie ein Pferd, laufen Schlangenlinien, hüpfen wie die Hasen, etc.
  • Das Kind tragen: Wenn mein Kind (3 Jahre) nicht weitergehen möchte, weil es einen langen Tag hatte, müde ist oder einfach keine Lust hat, dann sage ich ihm, dass ich jetzt weitergehen muss, weil ….. und es nicht alleine stehen lassen möchte. Ich biete ihm dann aber an, es ein Stück zu tragen. Das alles geht ohne Gewalt, weil dieser Einwand gebracht wurde: Ich muss dabei keinen großen Kraftakt vollbringen und ich trage mein Kind auch nicht gegen seinen Willen. Bei älteren Kindern biete ich an die Hand zu geben, weil es gemeinsam besser geht. Oft reichen dafür ein paar Schritte und das Kind geht wieder weiter.
  • Der Klassiker: Automarken benennen, rote Autos zählen, Blumen pflücken, ein Wettrennen, etc.
  • Spiele wie „Ich seh, ich seh was du nicht siehst“

Eine Leserin hat auf unserer Facebook-Fanpage auf die Frage, was man den tun könnte, wenn das Kind einfach nicht weitergehen will, geschrieben:

„Nimm den Wagen mit. Meiner hat sogar Kaugummis am Boden analysiert 😂 das ist einfach so! Und das ist gut so! Wir haben den Blick für unsere Welt, die uns umgibt verloren, die Kleinen aber nicht! Und nimm dem Kind das nicht. Viel Zeit und Ruhe mitnehmen. Bremsen und selber schauen. Das ist der Moment wo wir erwachsenen lernen können, die Welt wieder durch die Augen eines Kindes zu sehen. Und das ist der Wahnsinn. Alles so groß, so schön und spannend. Steige ein und genieße diese Sicht.“

 

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