„Was sich liebt, das neckt sich“ – warum ich das niemals meinen Töchtern sage

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Schon seit der zweiten Klasse Volksschule gibt es da einen Buben, der meine Tochter immer wieder ärgerte. Waren es anfangs noch „Hänseleien“ wie mal die Haube runterziehen vom Kopf (was ich auch schon unangenehm finde), steigerte sich das Verhalten bis hin zu schlimmen Beschimpfungen mit Wörtern, die ich hier gar nicht schreiben möchte und körperlichen Übergriffen. Die Situation ist für sie belastend und der Weg in die Schule nicht mehr unbeschwert, sondern von Gedanken geprägt, was er wohl heute wieder tun wird. Das tut mir als Mama im Herzen weh.

Boys will be boys

In allen Elterngesprächen und Schlichtungsversuchen wurde mein Aufbrausen über die Situation abgetan als „Das sind halt Kinder“ oder „So sind halt Buben“. Boys will be boys? Nein. Ich habe zwar selber keinen Buben und ja ich bin davon überzeugt, dass es Unterschiede gibt. Aber: Das darf niemals eine Begründung sein, warum er sich so verhält. Es darf nicht sein, dass er für sein Verhalten in Schutz genommen wird oder es damit verteidigt wird. Dass ich mit meiner Meinung und Haltung nicht alleine bin, konnte ich auch in diesem Artikel nachlesen, der auch die Inspiration war, das Thema aufzugreifen.

Was sich liebt das – es kotzt mich an!

Und am liebsten habe ich den Standardsatz „Was sich liebt, das neckt sich“ – hat sich schon einmal jemand überlegt, was dieser Satz bedeutet und aussagt?

Was das über Liebe und Gewalt aussagt?

Nicht nur für meine Tochter, sondern für beide Kinder?

Warum sollte meine Tochter ihm gegenüber freundlich sein, wenn er sie ärgert und sie sogar angreift?

Soll sie etwa lernen, dass er das mit ihr machen darf?

Oder dass er nur noch nicht weiß, wie man nett ist?

Oder fühlt sich die Mutter des Buben dann besser, weil es doch eine nettere Erklärung ist, dass er verknallt ist, statt hinzuschauen, was hinter seinem Verhalten steckt?

KURZ: ICH HASSE DIESEN SPRUCH!

Ich möchte nicht, dass meine Tochter glaubt, Liebe hat etwas mit Gewalt zu tun. Warum sollte mein Kind das Gefühl haben, dass jemand, der mich mag, zu mir gemein sein darf? Ist es das, womit unsere Kinder aufwachsen sollen? Egal ob psychische oder physische Gewalt. Weder zwischen Erwachsenen und Kindern, noch unter Kindern. Was da ein wenig mitschwingt: Liebe tut halt weh? Es ist in Ordnung, wenn dich jemand ärgert/unterdrückt/schlägt? Möchte ich, dass sich diese Gedanken in ihr manifestieren?

Nein.

Ich möchte/Ich möchte nicht

Ich möchte nicht, dass meine Tochter einmal glaubt, verknallt-sein fühlt sich so an. Nein, verknallt-sein ist schön, das sind Schmetterlinge im Bauch, ein Kribbeln, die rosarote Brille, aber kein Schmerz.

Ich möchte nicht, dass sie für jemanden, der ihr weh tut, Mitgefühl zeigt oder versucht, die Lage zu verstehen. Nein.

Ich möchte, dass sie immer mit Ablehnung und Abwehr reagiert, dass sie sich wehrt und schützt.

Ich möchte auch nicht, dass sie sich für die Übergriffe auch noch schuldig fühlt. Denn mit dem Spruch „Was sich liebt, das neckt sich“ ist der Täter aus dem Schneider und hat quasi ein „Alibi“.

Ich möchte, dass sie erfährt, dass Menschen, die sie lieben, auch wollen, dass es ihr gut geht. Wenn man jemanden mag, geht man mit diesem Menschen respektvoll um und achtet ihn.

Da neckt sich gar nix!

Für mein Verstänis neckt sich da auch nichts.  Es geht nicht darum, dass der Bub sie neckt, weil er sie mag. Das ist unsere erwachsene Denkweise , die wir da auf unsere Kinder projizieren – wobei wir uns da selbst fragen könnten, woher sie kommt und wie es eigentlich um unser Rollenverständnis aussieht, wenn wir den Täter in Schutz nehmen und sein Verhalten als „niedlich“ abtun. Es ist ein Muster, dass sich durch unser Leben zieht und der Grundstein dafür wird in der Kindheit gelegt: Es ist okay, dass das jemand mit dir macht?

STOP!

SCHRILLEN DA NICHT ALLE ALARMGLOCKEN?

Denken wir nur einen Schritt weiter:

Ist dann ein angrapschen, catcalling oder eine Vergewaltigung auch in Ordnung? Ja, das mag nun weit gespinnt sein, aber es geht um das Muster, dass sich in unseren Köpfen festsetzt.

Es geht hier um Übergriffe. Und nicht mehr. Punkt.

Es ist Aggression, die an einem anderen Kind ausgelassen wird. Ein Kind ärgert ein anderes. Das hat nichts mit Liebe oder Verknallt-sein zu tun. Es hat auch nichts mit necken zu tun, sondern mit Machtspielchen, übergriffigem Verhalten und Grenzüberschreitungen. Gemein sein ist keine Umarmung. Die Situation ist, wie sie ist. Ein Kind lebt seine Aggressionen aus, das andere Kind muss sich wehren oder Hilfe holen.

Was der Bub braucht: Hilfe, viele Gespräche und Möglichkeiten, seine Aggressionen anders auszuleben und sein Verhalten zu regulieren. Vielleicht wäre es ein guter Punkt, über Gewalt zu reden und darüber nachzudenken, wo sie beginnt.

Aber: Jemanden zu ärgern oder jemanden weh zu tun, hat nichts mit Liebe zu tun.

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