Tragen: Warum Babys getragen werden wollen und es ihnen gut tut

warum tragen unseren Babys gut tut

Wer kennt das nicht: Das Baby ist am Arm eingeschlafen und nun möchtest du es ganz vorsichtig und behutsam ablegen. Mit langsamen Bewegungen und möglichst wenigen Erschütterungen versuchst du, das Baby ins Gitterbett zu legen. Und da passiert es: Es wacht auf und möchte sofort wieder getragen werden. Es möchte zurück auf Mamas Arm und schaut dich mit einem Blick an: „Hey, was fällt dir ein, mich wegzulegen?“ Es gibt Gründe, warum Babys getragen werden möchten und es ihnen gut tut: Babys werden als Traglinge geboren: Werden sie hochgehoben, helfen sie mit Körperspannung und dem Anziehen der Beinchen mit. Schon in jüngsten Babyalter kooperieren unsere Kinder und wollen mit uns „zusammenarbeiten“ – auf ihre Weise und so, wie sie es können. Unwillkürlich sind sie auf den Hüftsitz vorbereitet. 2/3 der Weltbevölkerung tragen ihre Kinder dauerhaft bei sich, ohne einen Kinderwagen zu verwenden. Gesundheitlich sind Tragetücher gerade in den ersten Woche die optimalste Variante, ein Neugeborenes zu transportieren. Im Grunde hat Tragen nur Vorteile. Es ist auch kein neumodischer Hype, sondern ein in der menschlichen Stammesgeschichte verwurzeltes Verhalten.

Babys sind Traglinge – woher kommt das?

Wird ein Baby am Körper der Mutter getragen, erfährt es einen bauchähnlichen Zustand wieder, den es bereits seit 40 Wochen im Mutterleib kennt: Es wird rhythmisch geschaukelt, es hört den Herzzschlag der Mutter, es spürt ihre Wärme. Es fühlt sich sicher und geborgen und kann sich von zu vielen Reizen leicht abschirmen.

Unter Biologen wird der Nachwuchs in drei Kategorien eingeteilt: In Nesthocker, in Nestflüchter und in Traglinge. Menschenbabys zählen zur letzten Kategorie, sie sind Traglinge. Während Nesthocker im Nest sitzen bleiben und versorgt werden, sind Nestflüchter von Geburt an sehr selbständig. Babys hingegen sind Traglinge und deren Charakteristik ist, nahe am Körper getragen zu werden. Diesen verlassen sie mit zunehmender Selbständigkeit, wobei hier der Impuls vom Baby ausgeht. Dass Babys immer viel getragen wurden ergibt sich aus den ursprünglich nomadischen Subsistenzverhältnissen, die über 99% der menschlichen Stammesgeschichte geprägt haben. (Renz-Polster)

Noch vor 150 Jahren wae es in Europa üblich, Kinder zu tragen. Während noch im späten Mittelalter Bilder von Maria mit dem Kind in der Trageschlinge existieren, erfolgte im Zeitalter der Aufklärung eine allmähliche Trennung von Mutter und Kind in der Oberklasse. Das Tragen wurde zu einem Symbol für Armut. Als 1880 der erste Kinderwagen entwickelt wurde, entwickelte sich dieser schnell zu einem Statussymbol und erlaubte eine Distanzierung zur Unterschicht, die noch tragen „musste“. Es wurde schick, sich mit seinem Kind im Kinderwagen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Erst in den 70er-Jahren kam es während der Hippiebewegung zu einer Rückkehr zum Tragen.

Babys sind von Geburt an auf Schutz, Körperkontakt und Nähe angewiesen. Ein Baby ist  dafür geschaffen, getragen zu werden. Sein Instinkt sagt ihm, dass es alleine nicht sicher ist und hochgenommen werden möchte. Ist es alleine, sind sein Herzschlag und seine Atmung unregelmäßiger. Tragen beruhigt und stillt das Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit. Die Beugung der Gliedmaßen und der ausgeprägte Greifreflex sind typische Signale, dass es sich bei Menschen um Traglinge handelt. Babys können sich heute nicht mehr an unserem Fell festklammern, die Reflexe stammen noch aus dieser Zeit. Hebt man ein Baby hoch, baut es Körperspannung auf und zieht die Beinchen an – die typische Trageposition, die automatisch eingenommen wird. Wenn ein Baby abgelegt wird wie im Kinderwagen oder im Gitterbettchen, signalisieren ihm seine Instinkte Gefahr und Angst – es macht auf sich aufmerksam und möchte wieder Körperkontakt und Nähe spüren.

Vorteile des Tragens

„Das Tragen bietet dem Kind kinesthetische, olfaktorische, taktile, visuelle und auditive Stimulation gleichzeitig.“ (Kavruk, S. 4). Soll heißen?

Bewegungsreize üben einen beruhigenden Effekt aus und das Kind weint weniger. Die olfaktorischen Reize, der Geruch, ermöglichen es dem Kind, nur wenige Tage nach der Geburt zwischen Personen zu unterscheiden. Der Hautkontakt erfüllt das Bedürfnis nach Nähe und Berührung. Die Nähe ermöglicht es dem Baby, trotz des nicht vollständig ausgeprägten Sehsinns seine Bezugsperson zu erkennen. Das Tragen fördert die Bindung und die psychische Gesundheit des Kindes, da die tragende Person feinfühliger und achtsamer auf kindliche Reaktionen wie Weinen, Schreien oder Lachen reagiert.

Der gesundheitliche Aspekt des Tragens darf nicht außer Acht gelassen werden: Um Hüftschädigungen zu vermeiden oder auszugleichen, kann das richtige Tragen in der Anhock-Spreiz-Haltung, oder M-Position genannt, unterstützend eingesetzt werden. Eine Position, die bei der Behandlung von Hüftdysplasie angewandt wird – das Tragen verringert die Wahrscheinlichkeit einer Hüftdysplasie und kann somit als Prophylaxe angesehen werden. Vor der Einführung des Kinderwagens war dieses Krankheitsbild beinahe unbekannt – erst durch die wenig körpernahe Transportweise kam es zu einem enormen Anstieg. Ethnomediziner Schiefenhövel bekennt, dass es ein phylogenetisch angelegtes Bedürfnis ist getragen zu werden und fordert, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Für die Gehirnentwicklung ist das Tragen relevant, denn der Erwerb der Kopfkontrolle wird begünstigt und unterstützt. Dadurch wird der Gleichgewichtssinn stimuliert, dem eine zentrale Rolle in der Formation der Nervenzellbverbände zugeschrieben wird.

TrageberaterInnen betonen nicht nur die praktischen Aspekte des Tragens im Alltag, sondern auch die positive Wirkung auf das Baby: Babys und (Klein-)kinder, die getragen werden, schreien weniger. Das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit wird durch den Körperkontakt gestärkt, Atmung, Wärme und Duft werden vom Baby bewusst wahrgenommen – den Babys wird der Übergang vom Mutterleib in die Außenwelt erleichtert, wenn es mit bereits Vertrautem viel Kontakt bekommt. Tragekinder leiden seltener unter Anpassungsstörungen.

Eichhorn schreibt:

„Das Kind…

• hört den Herzschlag und die Atmung wie im Mutterleib;
• hört die Stimme der Mutter/ Bezugsperson, fühlt die Vibration am Thorax -> unterstützt die Sprachentwicklung;
• übt früh sein visuelles System durch frühes Fixieren z.B. das Spiel mit den Haaren, mit Bändern im Haar, Spiel an der Kleidung;
• erfährt die Bewegungen der Mutter/ Bezugsperson und erlebt die Gewichtsverlagerung sowie symmetrische und asymmetrische Positionen;
• wird unterstützt im Vertikalisierungsprozeß, besonders die seitliche Aufrichtung wird stimuliert und die distalen Impulse werden aktiviert;
• ist in Augenhöhe des Erwachsenen, es muss nicht zu diesem hochschauen;
• ist in ständiger Kommunikation, zunächst nonverbal, dann über das Lautieren bis es erste Worte spricht;
• entdeckt über die Schulter der Mutter die Umwelt, es ist sicher in ein Tuch gebunden und erlebt Sicherheit“

Tragen ist im Alltag unglaublich praktisch: Das Baby fühlt sich sicher und wohl, weint weniger und als Mama oder Papa hat man noch beide Hände frei, um Einkäufe zu erledigen, zu kochen oder mit Geschwisterkindern zu spielen.

Wie finde ich das richtige Tragetuch oder die richtige Tragehilfe?

Physiologisch richtiges Tragen ist für die Gesundheit des Babys von großer Bedeutung. Ob ein Tragetuch oder eine passende Tragehilfe ist Geschmackssache. Eine Trageberatung kann hierbei helfen, die richtige Trage auszuwählen, die zu einem passt und möglichst viel Flexibilität bietet.

Tragetücher gibt es in verschiedenen Längen, je nach Bindeweise und abhängig von der Körpergröße des Tragenden. Je länger ein Tuch ist, desto mehr Tragevarianten können gebunden werden, doch es bleibt auch mehr Stoff übrig. Gerade für Anfänger sind Tücher mit einer Länge von über 5 Metern sehr unhandlich. Es gilt beim Tuchkauf also zu überlegen, was ich möchte und wo ich das Tuch verwenden will. Hier kann eine Trageberatung eine Hilfestellung anbieten, denn nicht nur verschiedene Bindeweisen können ausprobiert und erlernt werden, sondern auch verschiedene Tuchlängen getestet.

Die meisten tragebegeisterten Eltern haben selten nur ein Tuch, sie haben mehrere Tücher, manchmal auch Lieblingstücher, weil sie hübsch sind. Neben den Tüchern gibt es eine Vielzahl guter Tragehilfen, die schnell zum Anlegen sind und gerade unterwegs sehr praktisch. Denn wenn mobile Kinder öfters zwischen laufen und tragen wechseln, dann kann es unter Umständen im Winter unangenehm sein, wenn das Tuch im Matsch landet. Die Nachteile liegen auf der Hand: Sie sind weniger flexibel einstellbar und nicht für jede Trageposition geeignet. Manche passen auch kurz, andere können länger verwendet werden. Auch hier ist eine gute Beratung unumgänglich, denn die einzelnen Tragesysteme für eine ergonomisch richtige Trageweise unterscheiden sich oft in Kleinigkeiten, wodurch es nicht sinnvoll ist, sich ausschließlich auf die Empfehlung anderer Eltern zu verlassen. Ausprobieren, Testen und dann entscheiden.

Produkte, die wir empfehlen:

Emei-Trage:

 

 

HOPPEDIZ Hop-Tye Tragesack:

 

Bondolino:

 

Marsupi:

Babys fühlen sich als Mensch ernst genommen und erfahren die Welt auf Augenhöhe des Tragenden. Wenn es dem Baby zu viel wird, kann es sich ins Tragetuch oder die Tragehilfe kuscheln und entzieht sich einer Überreizung, der es sonst im Kinderwagen oder auf dem Arm getragen ausgeliefert ist. Die Gehbewegung, das leichte Schaukeln, sind dem Baby durch seine Zeit im Bauch bestens vertraut und wirken beruhigend.

 

Quellen:

Renz-Polster: Tragen aus kinderärztlicher Sicht

Kavruk: Der Einfluss des Tragens von Säuglingen und Kleinkindern in Tragehilfen auf die Entwicklung von Haltungsschäden im Schulkindalter

Kirkilionis: Tragen – Förderung der kindlichen Entwicklung

Eichhorn: Tragen unterstützt die psycho-sensomotorische Entwicklung

Fettweis: Über das Tragen von Babys und Kleinkindern in Tüchern oder Tragehilfen

Fettweis: Auf Mamas Hüfte reiten

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