Der Versuch einer Spielstraße oder warum Kinder am besten nur da sind, aber leise

Wir freuten uns sehr, als vor wenigen Tagen ein Brief ins Haus flatterte mit der Ankündigung, auf die Probedauer von zwei Monaten jeden Dienstag unsere ohnehin nicht stark befahrene Seitengasse für vier Stunden nachmittags zu sperren und zur Spielstraße umzufunktionieren. Begleitet wurde diese Maßnahme von einem Verein, der immer wieder Angebote für Naturkosmetikworkshops, Malen, Kinderschminken, Gummihüpfen und sogar einen tollen Radparcour zur Verfügung stellte. Kostenlos für alle Interessierten.

Nachdem unser sehr netter Innenhof in der Nachmittagssonne ohne einen Schattenfleck ist, bietet die Spielstraße allen spielwütigen Kindern eine gute Gelegenheit, sich auszutoben: Mit Rädern, Rollern, Inlineskatern und Bällen ausgestattet eroberten die Kinder der Nachbarschaft die Straße und hatten ihr pures Vergnügen.

Das Spielstraßen-Bullerbü

Zwei Mädchen sitzen zusammen und verzieren die Straße mit Blümchen, Schmetterlingen und einem Zug – die Straßenmalkreiden kommen gut an. Beim Fahrradparcours tummeln sich inzwischen einige Fahrradfahrer, um den Slalom, den Kreisverkehr und die Rampe zu befahren – dabei lernen sie dank der aufgestellten Verkehrsschilder gleich wichtige Lektionen für das Verhalten im Straßenverkehr. Gerne mimen die kleinen Geschwister die Fußgänger, die plötzlich ohne Vorwarnung auf die Straße laufen. Auch ein paar Rollerfahrer mischen sich unter die Fahrradfahrer.

Auf der anderen Seite der Straße entstand ein großer Kinderkreis, der sich mit Ballspielen beschäftigt. Mit dabei ist eine Mitarbeiterin des Vereins, die den noch jüngeren Kindern zeigt, wie sie den Ball fangen. Werfen und Fangen sind Grundlagen für Ballspiele, die aber auch die Schulung der Koordination und des Reaktionsvermögens schulen.

Andere Kinder probieren sich an Hüpfspielen mit einer Gummischnur und da wurden plötzlich Erinnerungen an meine eigene Kindheit wach, denn ich kann mich noch erinnern, dass ich stundenlang im Garten übte, um beim Gummihüpfen so gut zu sein wie meine Nachbarin. Ich weiß noch, wie fit ich mich damals fühlte, denn das Gummihüpfen macht nicht nur Spaß, sondern bietet eine Menge Bewegung, die für die gesamte Entwicklung gut ist.

Ein paar andere Kinder probieren sich an Zirkusequipment und probieren Jonglieren aus, aber auch mit einem Gymnastikband wirbeln sie durch die Luft.

Es ist ein angenehmes Miteinander, die Kinder haben Spaß und bekommen ein wenig mehr Freiraum, sich zu entfalten. Die überfüllten oder vorwiegend sonnigen Spielplätze im Sommer laden ohnehin nicht zum langen Verweilen ein – da ist so ein geschützter Raum eine wunderbare Gelegenheit für alle.

Das Recht auf Spiel

Wie es nun mal so ist wenn ein paar Kinder zusammenkommen, entwickelt sich ein gewisser Lärmpegel, den Familien wohl als „normal“ einschätzen. Kinder lachen, reden mal lauter oder schreien – so what?

Doch dann gibt es immer ein paar Menschen, die sich am Spielen und Lachen der Kinder stören. Dabei ist es in den Kinderrechten verankert, dass Kinder ein Recht auf Spielen haben. Es ist nicht bloß ein Rumschreien und „zu wild sein“, es ist lernen – für ihr zukünftiges Leben. Kinder profitieren von diesen Erfahrungen ein Leben lang und das wird gerne unterschätzt. Ich möchte nun niemanden angreifen, aber es fällt mir leider doch auf, dass es vor allem ältere Personen sind, die sich über den Kinderlärm, egal zu welcher Tageszeit, beschweren. „Lieb sind die drei“ höre ich oft – ja, aber dann bitte nur nicht so laut, denn sonst werden meine drei blonden Engel schnell zu verzogenen Gören, die sich gefälligst in der Lautstärke zu mäßigen haben. Und das erlebe leider nicht nur ich so, es haben sich in den letzten Jahren immer dieselben Personen bei Familien beschwert. Wie leer muss es in ihrem Leben sein, wenn sie sich durch ein Kinderlachen provoziert oder gestört fühlen? Haben sie denn wirklich vergessen, dass sie auch einmal Kinder waren?

Der Freiraum für Kinder ist gerade in der Stadt ohnehin sehr beschränkt, viel zu viel Beobachtung und Begleitung der Eltern ist notwendig, denn „Spielen auf der Straße“ ist hier ein Privileg, kein Allgemeinzustand. Es wäre einfach zu gefährlich und geeignete Spielflächen sind oft weiter weg. Wie schön ist es dann, ein wenig dieses Bullerbüs-Feeling wieder zu bekommen und ihnen für vier Stunden in der Woche eine Straße zur Verfügung zu stellen?

Gerade jene Menschen, die sich dann gerne über den Kinderlärm beschweren und Rücksichtnahme der Familien erwarten („Kinder sollen nur bis 18 Uhr draußen spielen dürfen“) halten es aber selbst nicht so, wenn sie bis nach 22 Uhr laut sind, sich auf dem Balkon beim Feierabend-Gläschen lautstark unterhalten oder gerne auch noch im Stahlbeton das ein oder andere Loch bohren. Denn schließlich könnten sie das nur abends machen, sie sind ja arbeiten (mit dem Unterton: Du sitzt ja nur zu Hause). Dass meine Kinder dann aber wach im Bett stehen, weinen, weil sie erschreckten und ich das Zu-Bett-Geh-Prozedere von vorne habe und so auch um meinen (womöglich) freien Abend komme, ist egal. Und auch Eltern haben sich einen freien Abend verdient, denn der Tag mit Kindern ist durchaus anstrengend.

Das Fazit der Spielstraße:

Kinder sind lieb, solange sie leise sind und man sie nicht mitbekommt. Verhalten sie sich aber wie Kinder, sind sie unerwünscht. Traurig……

Deine Anna

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