Trotzphase: Gibt es ein Geheimrezept? Ein Interview mit Prof. Dr. Hüther

Trotzphase: Gibt es ein Geheimrezept? Ein Interview mit Prof. Dr. Hüther

Trotzphase: Gibt es ein Geheimrezept?? Was brauchen Eltern heute wirklich und mit welchem einfachen Trick bringen Eltern ihre Kinder vom Computer oder Fernseher weg – das alles verrät uns Prof. Dr. Gerald Hüther im Interview mit welovefamily:

 

welovefamily: Herr Dr. Hüther, jedes Jahr erscheinen zahlreiche neue Erziehungsratgeber und die Nachfrage bleibt kontinuierlich hoch. Ist das nur Interesse oder brauchen Eltern heute mehr Anleitung und Hilfe bei der Erziehung?

Herr Dr. Hüther: Wahrscheinlich wirken hier zwei ungünstige Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte zusammen: erstens eine wachsende Verunsicherung von Eltern in Erziehungsfragen. Viele Eltern verfügen heute nicht mehr über genügend intuitives Wissen über das, worauf es bei der Erziehung ihrer Kinder ankommt. Die meisten sind in Kleinfamilien aufgewachsen, oft ohne jüngere Geschwister, haben also selbst keine eigenen Erfahrungen im Umgang mit Babys oder kleinen Kindern sammeln können. Das macht sie zu dankbaren Abnehmern all dieser Ratgeber. Und die bedienen dann diesen wachsenden Mark sehr gern.

Und zweitens wird der in unserer gegenwärtigen Gesellschaft herrschende Leistungsdruck immer stärker, sodass viele Eltern versuchen, ihre Kinder so zu erziehen, dass sie nicht schon mit Defiziten in die Schule kommen und als Verlierer auf der Strecke bleiben. Die suchen dann noch allen möglichen Förderprogrammen, am besten schon für Kleinkinder. Und auch dieser wachsende Markt wird gern von entsprechenden Ratgebern und Hilfsangeboten bedient.

 

Welovefamily: Auf unserer Seite gibt es zwei Themenbereiche, die oft diskutiert werden: Einerseits die Trotzphase, andererseits der Umgang mit den Medien. Kinder auf der ganzen Welt beginnen im zweiten Lebensjahr zu trotzen. Warum ist das so?

Herr Dr. Hüther: Kinder entwickeln im zweiten Lebensjahr eine Vorstellung davon, dass sie eine eigene Person sind. Die Psychologen nennen das ein Ich-Bewusstsein. Von da an übernehmen sie nicht mehr automatisch alles, was ihnen ihre primären Bezugspersonen anbieten und sie machen auch nicht mehr alles so, wie die das von ihnen erwarten oder einfordern. Ihr eigenes Ego, also ihr Ich-Bewusstsein müssen allerdings vor allem solche Kinder besonders stärken, die zu selten die Erfahrung machen konnten, dass sie um ihrer selbst willen, also nicht aufgrund ihrer „Leistungen“, geachtet und gewertschätzt werden. Diese Kinder haben nicht das sichere Gefühl, dass sie so, wie sie sind, wichtig und bedeutsam sind. Sie müssen ihre eigene Bedeutsamkeit unterstreichen, indem sie etwas tun, worauf die Eltern oder später andere Personen dann reagieren. Trotzen zum Beispiel, oder angeben, oder irgendwie auffallen.

 

welovefamily: Die Trotzphase bringt Eltern regelmäßig an den Rand ihrer Verzweiflung. Wie können sie richtig auf die Anfälle reagieren?

Herr Dr. Hüther: Wenn das stimmt, was wir da eben herausgearbeitet haben, dann sollten manche Kinder dieses Trotzverhalten weniger stark entwickeln. Und zwar diejenigen, die sich um ihrer selbst willen gemocht und angenommen fühlen. Je besser es also Eltern gelingt, ihrem Kind von Subjekt zu Subjekt zu begegnen und es nicht zum Objekt ihrer Absichten, Bewertungen oder gar Maßnahmen machen, desto weniger wird es ihr Kind nötig haben, ihnen zu zeigen, dass es kein Objekt, sondern ein Subjekt ist. Mit einer eigenen Meinung und einem eigenen Willen.

 

welovefamily: Immer wieder greifen Eltern dann auch auf Belohnungen und Bestrafungen zurück. Was denken Sie darüber?

Herr Dr. Hüther: Wenn Kinder durch Belohnungen oder gar Bestrafungen zu gewünschten Leistungen gebracht werden, dann lernen sie natürlich nicht, das betreffende Verhalten aus sich selbst heraus zu entwickeln. So lassen sich zwar z. T. bemerkenswerte Dressurleistungen erreichen. Aber der Preis dafür ist hoch: erstens verliert das Kind dabei seine Achtung und Wertschätzung gegenüber dem, der es mit diesem Verfahren abzurichten versucht.

Und zweitens lernen solche Kinder immer besser, wie sie mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Lohn bekommen. Diejenigen Eltern, denen es aus irgendwelchen Gründen wichtig erscheint, ihre Kinder mit solchen Methoden zu erziehen, sollten sich aber bewusst machen, dass sie dafür später einen sehr bitteren Preis zahlen.

 

welovefamily: Was brauchen denn Eltern und Kinder für mehr Gelassenheit in der Trotzphase?

Herr Dr. Hüther: Kinder brauchen immer dann, wenn sie verunsichert sind, etwas mehr Sicherheit, etwas mehr Zuwendung, etwas mehr Verständnis und Unterstützung als sonst. Kein Kind wird ohne Probleme und Konflikte aufwachsen. Aber Kinder sollten die Erfahrung machen, dass sie Schwierigkeiten überwinden, Probleme lösen und Herausforderungen meistern können. Dabei brauchen sie manchmal eine Unterstützung, aber auch nicht zu viel. Sonst können sie kein Selbstvertrauen entwickeln. Manche werden dann von ihren allzu eifrigen Unterstützern abhängig, andere versuchen sich möglichst schnell aus deren übermäßigen Fürsorglichkeit zu befreien. Und wenn Kinder tatsächlich bekommen, was sie brauchen, könnten sich die Eltern nicht nur in der Trotzphase sehr gelassen zurücklehnen.

 

welovefamily: Herr Dr. Hüther, in Ihrem Buch „Wie Kinder heute wachsen“ (in Zusammenarbeit mit Herrn Renz-Polster) gehen Sie auf die Rolle der Neuen Medien ein und wie sie unser Leben verändern. Nicht nur Erwachsene sind davon betroffen, sondern auch die Kinder (die oft schon im Kindergarten an den Umgang mit einem Computer gewöhnt werden). Viele Anfragen erreichen uns mit der Problematik, dass das Kind den ganzen Tag vor dem Computer oder Fernseher sitzt. Was würden Sie Eltern raten?

Herr Dr. Hüther: Das haben wir ja in diesem Buch herausgearbeitet: Wenn Kinder in der realen Welt wirklich glücklich und froh wären, wenn es für sie dort gemeinsam mit anderen genug zu entdecken, zu bauen, zu gestalten, zu kümmern gäbe, dann würde sich kein Kind freiwillig stundenlang vor einen flachen Monitor setzen und bewegte Bilder anschauen. Es müsste auch nicht nach Abenteuern und Heldentaten suchen und bräuchte auch keine ständige elektronische Rückversicherung, dass es von anderen gesehen wird und in seiner virtuellen Community bedeutsam ist. Unser Rat an die Eltern in diesem Buch hieß: Versucht es mal gemeinsam draußen in der lebendigen Natur. Und vor allem gemeinsam mit anderen Eltern und deren Kindern. Und nehmt ein Fernglas und eine Lupe und ein Liederbuch mit…

Vielen Dank für das Interview!

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