Nein heißt Nein. Ausnahmslos.

Die aktuellen Ereignisse um den Fall Gina-Lisa Lohfink machten mich nachdenklich, wie ich meine Kinder auf ihre Jugend- und Erwachsenenzeit vorbereite und sie darin stärke, neugierig mit ihrer Sexualität umzugehen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Aber fangen wir von vorne an:

Wenn ein „Nein, Nein, Nein“ zu wenig ist…..

Die Story rund um Gina-Lisa Lohfink wurde im Stern schon ausführlich aufbereitet. Kurz zusammengefasst: Sie feierte vor vier Jahren eine Party mit zwei Männern. Filmriss. Am nächsten Nachmittag ist sie wieder in ihrem Hotelzimmer und kommt erst nach und nach wieder drauf, was gelaufen sein könnte. In der Zwischenzeit kursiert im Internet schon ein Video, das zeigt, wie diese beiden Männer mit ihr Sex haben und sie mehrmals „Nein Nein Nein“ und „Hör auf“ sagt. Gina-Lisa Lohfink wirkte neben sich. Die ganze Aktion war aber geplant: Die Männer wollten ein Sex-Video aufnehmen, um damit Geld zu verdienen. Ob Frau Lohfink benebelt war oder ihr KO-Tropfen verabreicht wurden, sollte dabei eigentlich egal sein. Was an dem ganzen Fall aber so grotesk ist: Die ganze Nummer verlief vor Gericht ganz anders als man es annehmen würde. Da vergewaltigen zwei Männer eine Frau, aber plötzlich wird das Opfer zum Täter: Das Gericht verdonnert Frau Lohfink wegen einer Falschverdächtigung zu 24.000 Euro Strafe.

Auch wir können die ganze Geschichte nicht objektiv betrachten, aber: Wenn jemand mehrmals deutlich „Nein“ und „Hör auf“ sagt, dann ist das kein einvernehmlicher Sex. Die „Tat“ liegt in diesem Fall sogar als Video vor. Eindeutiges Beweismaterial. Und dennoch: Ein „Nein“ reicht der Justiz anscheinend nicht. Laut §177 ist das noch keine Vergewaltigung – erst wenn sich ein Opfer tatsächlich wehrt oder bedroht wird. Beides liegt nicht vor. Ein „Nein“ reicht nicht aus, um eine Vergewaltigung als eben diese juristisch behandeln zu können. Im Falle Frau Lohfinks wurde eine Frau vom Opfer zur Täterin gemacht – ein beängstigendes Zeichen für alle Frauen, die keinen Beweis für eine Gewalttat erbringen können.

Es geht aber noch absurder

Noch absurder als das Urteil des Gerichts ist jedoch, was die Medien aus dem Fall machen. Da wäre einmal das victim blaming. Frau Lohfink wird eine Teilschuld an dem, was passiert ist, zugesprochen:

„Sie hat sich die Brüste vergrößern und die Lippen aufspritzen lassen. Kann man einer wie ihr die Rolle als argloses Opfer tatsächlich abkaufen?“(Die Welt)

„Sie hat schon häufiger ähnliche Filme gedreht und im Internet vermarktet“ (Die Welt)

„Lohfink, der Name steht für Skandale, die meisten selbst inszeniert“ (Die Welt)

„die wasserstoffblonde Hessin“ (Die Welt)

„Hier eine Affäre mit einem bekannten Fußballer, dort ein Nackt-Shooting mit dem Playboy. Dazwischen Auftritte als DJane oder Jobs als Gesicht der Erotik-Messe Venus.“ (Die Welt)

„das Busenwunder“ (Promiflash)

Wir fragen uns: Was hat das alles mit ihrer Glaubwürdigkeit zu tun? Darf eine Frau leben und sich kleiden wie sie möchte, oder beeinflusst der Lebensstil den Wert einer Frau, den Wert ihres Körpers und ihr Recht auf Unversehrtheit und Schutz? Im Fall Gina-Lisa Lohfinks wurde sexuelle Gewalt ausgeübt. Gefilmt. Hochgeladen. Vielfach geliked und geteilt. Daumen hoch-Bewertungen für ein Vergewaltigungsvideo. Und dennoch ist sie der Täter. Was bleibt ist ein ungutes Gefühl: Lohnt es sich dann überhaupt sexuelle Übergriffe zu melden? Wo sind nun die lauten Stimmen, die sich nach den Vorfällen in Köln an Silvester laut gemacht haben? Ist es in diesem Fall etwas anders, weil die Übergriffe mal nicht von Flüchtlingen waren? Oder weil sie es verdient hat? Oder weil Frau Lohfink sich so kleidet, wie sie sich kleidet? Nur weil ihr Körper ihr Kapital ist, sie sich freizügig zeigt und kein Kind von Traurigkeit sollte das nichts daran ändern, wie sie als Mensch betrachtet wird. Sie hat genauso das Recht als Opfer eines Sexualdeliktes ernst genommen zu werden. Immer wieder sagt sie deutlich „Nein“ und „Hör auf“. Ist ein Nein unterschiedlich zu werten je nach Lebens- und Kleidungsstil der betroffenen Person? „Nein heißt nur Nein, wenn…..“? Ja wann denn?

Sexismus fängt nicht erst an, wenn Frauen am Bahnhof belästigt werden. Sexismus lauert in Facebook-Kommentaren, in Zeitungsberichten, in der Twitter-Timeline oder wenn eine Frau ein Fußballspiel kommentiert und dafür beleidigt wird.

Wenn du dich jetzt fragst, was das alles mit Kindern und Familien zu tun hat, dann lass dir sagen: Vieles. Aber dazu jetzt mehr.

Nein heißt Nein. Ausnahmslos.

Das sollte jeder Mensch lernen. Von klein auf.

Wahrscheinlich stimmen jetzt alle Eltern zu 100% zu: Wenn jemand „Nein“ zum Sex sagt, dann muss das auch respektiert werden. Ein Nein muss immer akzeptiert werden. Wie oft trichtern wir unseren Kindern ein, dass ihnen niemand weh tun darf, dass niemand über ihren Körper bestimmen darf und niemand mit ihnen etwas machen darf, was sie nicht wollen. Mir ist das genauso wichtig und wir sprechen immer wieder in verschiedenen Kontexten darüber.

nein-heißt-neinAber: Wie hoch ist wohl der Prozentsatz jener Eltern, die das Nein ihres Kindes als es noch ein Baby oder Kleinkind war, nicht respektiert haben? Ich spreche mich davon gar nicht frei und ertappe mich dabei, dass ich mich über das „Nein“ meines Kindes, egal wie jung es ist, hinwegsetze und so handle, wie ich es als Erwachsene aufgrund meiner Lebenserfahrung für richtig empfinde.

Da sagt das Kind „Nein“, macht also genau das, was wir uns später wünschen, aber es muss dann dennoch machen, was die Eltern wollen? Ist das nicht grotesk? Wie sollen unsere Kinder lernen für sich selbst einzustehen, wenn ihr „Nein“ nicht respektiert wird? Von Beginn an zeigen Babys und Kinder sehr genau, was sie wollen und was nicht: Selbst ein Baby, das sich wegdreht, das seinen Mund verschließt wenn der Löffel kommt, sagt „Nein“. Nonverbal und auf seine Art. Aber es zeigt uns ein „Nein“. Wir müssen nur empathisch und empfindsam genug sein, es auch zu sehen. Und dennoch erfinden Eltern immer neue Spiele, Tricks und Ablenkungsmanöver, um doch noch einen Löffel in ihr Baby zu bekommen weil sie meinen, es muss genug essen. Immer 190 Gramm, weil die Hersteller der Babygläschen schließlich wüssten, wieviel Hunger ein Kind hat. Wenn ein 3-jähriges Kind seine Schuhe nicht anziehen möchte und die Eltern es doch dazu zwingen. Oder den Pyjama verkehrt herum anziehen und am Rücken schließen, damit das Kind ihn sich nicht mehr selbst ausziehen kann. Was lernt ein Kind damit? Dass der Stärkere bestimmt. Und das ein Nein nicht wirklich ein Nein ist. Das Lernen von „Nein“ sagen beginnt nicht erst mit dem Einsetzen der Pubertät und dem Entdecken der eigenen Sexualität, sondern schon viel früher. Aber das ist den meisten Menschen nicht klar.

„Wir müssen uns jedoch darüber im Klaren sein, dass angepasste und artige Kinder, die immer gehorchen und nie unsere Entscheidungen und Anweisungen hinterfragen und begründet haben möchten, möglicherweise nicht nur auf unsere erziehungsberechtigten Forderungen und Anweisungen artig reagieren, sondern auch auf die unberechtigten Forderungen Älterer oder fremder Erwachsener.“

(Friedl: Kinder setzen Grenzen. Kinder achten)

Wollen wir das? Nein, natürlich nicht werden jetzt viele Eltern aufschreien. Also ermutigen wir unsere Kinder dazu „Nein“ zu sagen und regen wir sie an, Begründungen einzufordern, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Auch, wenn es uns gerade ungelegen kommt, weil wir in Eile sind, einen Termin einhalten müssen oder noch zwei andere Kinder gerade auf uns einreden.

Ich erinnere mich immer wieder daran, dass „Nein“ meines Kindes zu respektieren und frage mich, warum es Nein sagt, was es eher brauchen könnte, oder welches Bedürfnis sich dahinter versteckt. Es bedeutet nicht, dass mein Kind immer seinen Willen bekommt. Es bedeutet nur, dass ich mein Kind wahrnehme, mich mit ihm auseinandersetze und versuche, einen Kompromiss zu finden. Was in manchen Situationen gut klappt, funktioniert in anderen gar nicht und dann darf ich meinem Kind auch sagen, dass ich sein „Nein“ gehört habe, es jedoch nicht anders geht. Etwa, wenn mein Kind auf die Straße laufen möchte – dann werde ich sein „Nein“ natürlich nicht akzeptieren, sondern es schützen. Das ist mein Auftrag als Erwachsener, meine Rolle und die nehme ich wahr. Ich übernehme die Verantwortung für mein Kind und schütze es in Situationen, die es nicht einschätzen kann. Lehnt mein Kind allerdings die blaue Hose ab und möchte lieber die rote anziehen, dann liegt das in seinem Entscheidungsbereich und ich akzeptiere sein „Nein.“  Es geht also nicht darum zu tun was das Kind möchte, sondern darum, seine Integrität zu wahren und ihm zu zeigen, dass ich ein „Nein“ respektiere. Immer. Ich übergehe es nicht einfach.

„Wir müssen unsere Kinder immer wieder dazu ermutigen, mit uns zu sprechen und uns mitzuteilen, was sie mögen oder nicht mögen und diese Mitteilungen auch ernst nehmen. Dazu gehört auch, dass Kinder ausdrücken dürfen, wenn sie jemanden aus unserem Freundes- und Verwandtenkreis nicht mögen, oder dass sie etwas ablehnen dürfen. Sie müssen die Erfahrung gemacht haben und sicher wissen, dass echte Freunde und Menschen, die es gut mit ihnen meinen, ein „Nein“ akzeptieren.“

(Friedl: Kinder setzen Grenzen. Kinder achten)

Nein heißt nein. Ausnahmslos. Egal wie klein, groß, jung, alt, dick, dünn oder sonst etwas jemand ist.

Buben-Eltern haben es leichter?

Eine Freundin sagte mit neulich, wie froh sie doch sei, Buben zu haben. Da müsse sie sich weniger Sorgen machen. Und so ungern ist es mir auch eingestehe: Ein Fünkchen Wahrheit steckt wohl dahinter. Zwar können Mädchen  heute alles werden, ja sogar Bundespräsidentin, sie können Flugzeuge fliegen und sich in Männerdomänen behaupten, aber wir verdrängen dabei, dass dennoch jede dritte Frau in ihrem Leben Opfer und körperlicher oder sexualisierter Gewalt wird. Jede dritte Frau erlebt, dass ein Mann sie demütigt, sich über sie stellt und damit ihr Leben verändert. Laut der Statistik wird es eines meiner Kinder treffen.

Aber, und das sagte meine Freundin auch: Ihre Herausforderung liegt darin, die Männer von morgen großzuziehen. Wie kann man als Eltern verhindern, dass der eigene Sohn die Vorstellung entwickelt, Frauen zum Sex zwingen zu dürfen? Eltern sind dafür nicht alleine verantwortlich. Auch wenn sie ihren Kindern die „richtigen“ Werte auf den Weg mitgeben – was, wenn die Verlockung nach dem schnellen Geld für Sex einfach größer ist? Und unweigerlich frage ich mich: Was, wenn das meine Kinder wären? Ich habe Angst davor, meine Töchter könnten irgendwann glauben, dass ihr Körper ihr Kapital ist.

Ich kann nur hoffen, dass ich meine Kinder so erziehe, dass sie das Gefühl haben, genauso viel wert zu sein wie ein Mann und dass niemand das Recht hat, sie zu erniedrigen. Ich hoffe, dass sie in Zukunft einmal für sich und für andere einstehen und erfahren dürfen, dass ein „Nein“ ausreicht.

 

Anmerkung:

Sexualstrafrecht in Österreich

Seit Anfang 2016 gibt es in Österreich einen neuen Tatbestand: Strafbar ist bereits, wer sexuelle Handlungen gegen den Willen des anderen vornimmt, auch wenn es zu keiner Gewalt oder Drohung kommt. (Kurier). Ein Nein ist ein Nein – und jeder, der sich darüber hinwegsetzt, macht sich strafbar. Dennoch: Dieser Paragraph würde im aktuellen Fall keine Anwendung finden, weil die Tat schon 2012 stattgefunden hat.

Merken

TEILEN