„Mama, was sind eigentlich Flüchtlinge?“

Ich habe lange überlegt, ob ich über das Thema Flüchtlinge schreiben soll, doch unterm Strich ist es zu wichtig, um es wegzulassen.

Manchmal weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn mir meine Kinder Fragen stellen. Nun sind sie 7,5 Jahre und 6 Jahre – alt genug, ob auch ein wenig vom Weltgeschehen mitzubekommen. Minimi mit 2,5 jahren bekommt das Thema weder richtig mit, noch wüsste ich, wie ich es ihr erklären soll, damit sie es annähernd annehmen kann.

Frau L. und Frau Schnecke sind aber alt genug, auch einmal einen Blick in die Zeitung zu werfen und selbst zu lesen, was da steht. In den letzten Wochen waren dutzende Bilder und Berichte über die Flüchtlinge aus Syrien in den Zeitung, da war es nur logisch, dass irgendwann die Frage kam: Mama, was sind eigentlich Flüchtlinge?

Die Angst vor dem Fremden

Bevor ich näher darauf eingehe, wie ich meinen Kindern die Flüchtlingsthematik erklärte, möchte ich noch ein paar Zitate anführen, die das Thema der Fremdenfeindlichkeit gut beschreiben:

„Fremdenfeindlichkeit ist ein Reflex, um uns selbst zu schützen. Das zeigen psychologische Experimente. Wir sind alle Rassisten – ohne es zu wissen.“ (Quelle)

Da war ich erst einmal erschüttert und musste darüber nachdenken. Ich fand dann auch noch eine Erläuterung dazu:

Das Fremde als Bedrohung zu sehen, ist eine typische Reaktion des kleinbürgerlichen Milieus, das sich in seinem Status eigentlich von allen Seiten bedroht sieht. Wer weltoffen ist, sieht im Fremden eher eine Chance als eine Bedrohung. Wer konservativ ist, möchte an den Gegebenheiten nichts ändern. Er hat Angst, in einer neuen Welt nicht mithalten zu können und dadurch seinen Status zu verlieren. Der konservative Kleinbürger ist – und war es schon immer – ein gefühlter Modernisierungsverlierer. Er sieht nicht nur im Fremden, sondern auch im Neuen eine Bedrohung. Diese defensive Grundeinstellung findet erst dann wieder konstruktive Bahnen, wenn das Fremde zum Vertrauten, das Neue zum Gewohnten wird.“(Heise)

Nein, ich sehe mich nicht bedroht durch das Fremde – ich sehe als Chance und wohne nicht umsonst in einem sehr bunt gemischten Bezirk Wiens. Da fühle ich mich wohl, bereichert und zeigt, wie bunt die Welt sein kann.

Auch Susanne vom Blog „geborgen wachsen“ hat sich diesem Thema gewidmet:

„Um uns herum gibt es viel Anderes  als bei uns zu Hause und all dieses andere gibt ihnen die Möglichkeit, sich ein Bild von der Welt zu machen und sich gleichzeitig damit zu beschäftigen, wie es bei ihnen ist. Das Andere ist wichtig und wunderbar. Es ist aufregend und regt an zu Gedanken, zu Spielen und Fragen.“

Ein toller Gedanke, dem ich mich so anschließen kann. Die Welt ist mehr als unsere kleine Welt zu Hause.

Dann stolperte ich über einen Satz, der mein Denken und Handeln stark beeinflusste:

„Der zweite Ansatzpunkt, um gegen Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen, ist Kontakt.“ (Quelle)

Bisher habe ich meine Kinder vor den Nachrichten immer ein wenig geschützt, doch das Thema Krieg, Syrien und Flüchtlinge konnte ich kaum mehr fernhalten, zumal es mich selbst sehr bewegte. Als sich die Lage in Ungarn zuspitzte, war auch ich zunehmend in sozialen Medien aktiv und unterwegs, um das aktuelle Geschehen verfolgen zu können. Mich machte die Situation wütend, fassungslos und immer wieder kullerten mir Tränen die Wange hinunter – ich konnte es ja selbst nicht verstehen, was da gerade historisch passiert. Wie soll ich es dann meinen Kindern erklären? Das musste ich gar nicht.

Von der Empathie

Kinder lernen viel weniger durch Worte und Belehrung, als durch Erfahrung, durch unser Vorbild, durch Nachmachen. Es gibt sogar Studien und Versuche wie im Film „alphabet“ gezeigt wird, dass sogar Babys so etwas die Mitgefühl empfinden können, ihre Umgebung genau beobachten und dieses Verhalten sich zunehmend aneignen. In einer Welt voller Konkurrenzdenken darf es nicht wundern, wenn die Ellbogentechnik der Erwachsenen auch bei den Kindern Einzug findet. Doch Mitgefühl und Empathie sind uns in die Wiege gelegt.

Ich wollte meinen Kindern jetzt nicht nur erklären, was es mit Flüchtlingen auf sich hatte, warum sie aus ihrem Land flüchten, was Krieg ist, was gerade in Traiskirchen passiert und warum sie aus Ungarn einen Protestmarsch starteten, sondern ich wollte ihnen zeigen, dass es einfach Menschen sind, die da zu uns kommen. Menschen wie du und ich. Menschen, die auch glücklicher wären, wenn sie ihr Land nicht verlassen müssten aufgrund des Krieges. Hier kommen Familien wie du und ich. Mir ging es nie darum, eine schwierige Situation auszunutzen oder die Flüchtlinge vorzuführen, sondern zu zeigen, wie niederschwellig Hilfe sein kann. Für jeden Menschen. Und in dieser Situation nun sehr akut.

Mitgefühl ist keine Altersfrage

„Das Mitgefühl mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.“ Albert Schweitzer

Mitgefühl ist keine Altersfrage wenn man Kinder dabei beobachtet, wie sie sich um einen verletzten Vogel kümmern oder einen am Rücken liegenden Marienkäfer wieder umdrehen. Wie selbst in Rollen schlüpfen, diese Situationen nachspielen und im Spiel oft mehr Mitgefühl zeigen als Erwachsene, wenn es beispielsweise um das Beruhigen eines weinenden Babys geht. Fast schon zu überschwenglich verhalten sie sich, trösten sie, kuscheln sie. Kinder haben Mitgefühl. Damit es erhalten bleibt und nicht verloren geht, kann das Mitgefühl nicht nur im Alltag immer wieder geübt und beobachtet werden, sondern auch in einem globalen Sinn vorgelebt werden:

Wir engagieren uns jedes Jahr für unterschiedliche Organisationen: Ob Weihnachten im Schuhkarton oder die Christkindlbriefe der Caritas. Auch unterm Jahr spenden wir immer wieder für karitative Einrichtungen. Das ist also nichts Neues für meine Kinder. Aber dieses Mal war es anders – sie waren älter und bekamen es bewusster mit. Sie fragten, dachten darüber nach und wollten reden. Viel reden. „Mama, ich wünschte ich wäre ein großer Vogel und könnte alle Familien mit zu uns nehmen. Dann bekämen sie etwas zu essen, ein Bett und müssten nicht auf der Straße schlafen“. Ich war zutiefst berührt und weinte mal wieder. Dabei kenne ich diese emotionalen Achterbahnfahrten eher aus den Schwangerschaften.

So habe ich mich auf unterschiedlichen Kanälen darüber informiert, welche Form der Hilfe gerade gebraucht wird und dann überlegt, wie wir unsere Kinder da miteinbeziehen können. Mithelfen bei der Spendenverteilung am Westbahnhof? Nein, das geht nicht. Die Hektik und die Menschenmassen wären eine Überforderung – außerdem war ich einmal in Traiskirchen: Das geht schon an die Nieren. Was wir aber gefunden haben: Eine Pfarre ums Eck suchte nun auch in den letzten Tagen immer wieder Unterstütung und in diesem kleinen Rahmen nahm ich die Kinder mit – sie freundeten sich schnell mit den Flüchtlingskindern an, spielten gemeinsam und das, obwohl sie nicht dieselbe Sprache hatten. Das war aber ganz egal. Zum Abschied zeichneten sie noch ein Bild. In der Pfarre halfen wir beim Kochen, Waschen und spielten mit den Kindern.

Der Westbahnhof

Und wir spendeten gemeinsam: Kleidung aussortieren, Spielsachen durchschauen und aussortieren, ein paar Sachen wie Wasser oder Hygieneartikel und Windeln einkaufen. Einfach mitnehmen, miteinbeziehen und zeigen, dass Hilfe ganz einfach sein kann –  das war unser Ansatz, der nicht viele Worte brauchte.

Frau L. entschied sich sogar, ihr Taschengeld zu spenden, damit weitere Zugtickets gekauft werden können und auch Frau Schnecke spendete ein wenig. Diese Nächstenliebe und diese Selbstverständlichkeit zu spüren, zu fühlen, war grandios. Denn Mitgefühl alleine hilft leider nicht. In diesem Moment war ich richtig stolz, denn unsere Kinder haben ohne zu zögern mitgemacht. Es war selbstverständlich. Da war sogar ich ein wenig überrumpelt.

„Wie schön wäre es, wenn alle diese Kinder so eine unbeschwerte Kindheit genießen könnten“ ging es mir durch den Kopf und wie glücklich wir uns schätzen können, in einem sehr sicheren Land geboren worden zu sein. Denn leider sucht sich das niemand aus – es könnte auch uns einmal treffen, dass wir flüchten müssen. So lange liegen diese Ereignisse noch gar nicht hinter uns – mein Opa kann davon noch viel erzählen, er hat es miterlebt. Er weiß, was in diesen Menschen nun vorgeht, wie sie sich fühlen und er konnte sich diese Bilder gar nicht anschauen. Diese Kinder sind auf der Flucht, in lebensgefährlichen Situationen. Und nicht alle überleben es. Ein Gefühl, das mich noch lange am Abend begleitete und den Knoten in meinem Bauch nicht verschwinden ließ.

Doch etwas hatte unser „Ausflug“ auch: „Mama, es fühlt sich gut an, zu helfen. Wir können zwar nicht allen helfen und auch kein Flüchtlingskind aufnehmen, aber nur ein bisschen etwas zu tun, ist besser als gar nichts. Wenn das jeder macht, wird trotzdem allen geholfen.“ In diesem Moment umarmte ich Frau L. und begann zu weinen – der Knoten in meinem Bauch löste sich und ich fühlte mich befreit. Unsere Kinder hatten keine „Angst“ vor diesen Menschen und keine Vorurteile aufgrund ihrer Religion oder Herkunft, sie hatten einfach nur Mitgefühl und Mitleid.

Immer wieder überfordern mich die Fragen meiner Kinder und ich würde sie manchmal gerne vor der Realität fernhalten. Aber noch viel wichtiger ist mir, dass sie sich Empathie und Mitgefühl für andere behalten.

„Es ist kein Opfer, sich auf andere einzulassen, sondern eine Chance!“

Was sind eure Gedanken dazu?

Deine Anna

 

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