Bindungsorientierte Eingewöhnung: Krippe und Kindergarten

Bindungsorientierte-Eingewöhnung

Bindungsorientierte Eingewöhnung – Kurz vor September häufen sich bei uns die Anfragen zum Thema „Eingewöhnung“ – egal ob Krippe, Kindergarten oder Schule. Wie kann man sein Kind vorbereiten, wie lange eine Eingewöhnung dauert und was man tun kann, wenn es nicht klappt.

Kinder können – evolutionsbedingt – Beziehungen zu mehreren Personen aufbauen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Früher wuchsen Kinder in Gruppen auf und hatten so ganz automatisch Kontakt zu einer Vielzahl an anderen Personen. Eine innerfamiliäre Betreuung wäre für Kinder unter drei Jahren als Familienergänzung der Idealfall, in der Praxis ist dies  kaum möglich. Die außerhäusliche Betreuung in einem fremden Umfeld ist für viele Familien unumgänglich.

Was ist die Eingewöhnung überhaupt?

„Für die Kinder bedeutet der Übergang vom Elternhaus in die Kindertagesstätte zunächst „Stress“ und ist eine emotionale Belastung. Sie müssen sich von der Mutter bzw. einer anderen primären Bezugsperson lösen, sich in einer fremden Umgebung zu Rechtfinden und eine weitere Bezugsperson (hier die Erzieherin) anerkennen. Aus diesen Gründen kann die Anfangsphase der Fremdbetreuung durchaus als kritisches Lebensereignis gesehen werden, das von allen Beteiligten zu bewältigen ist.“ (Kindergartenpädagogik 2015)

Die Phase der Eingewöhnung ist mehr als die Zeit, in der sich das Kind an die neuen Abläufe in der Gruppe gewöhnen und die anderen Kinder sowie PädagogInnen kennenlernt mit dem Ziel, dass es sich wohl fühlt. Das ist natürlich nicht falsch, doch ein wichtiger Punkt fehlt und wird gerne „vergessen“: Das Kind soll die Möglichkeit haben, sich ohne Stress an eine neue Bezugsperson zu binden. Die sichere Bindung an eine neue Person – und Kinder können sich an mehrere Personen binden – ist die grundlegende Bedingung für einen Übergang in die Fremdbetreuung. Das Kind muss eine neue Ansprechpartnerin, Trostspenderin, Zuhörerin, Vorleserin, Taschentuchbringern, Tränenwegwischerin und Kuscheltier finden. Damit diese Bindung überhaupt entstehen kann, braucht es vier Komponenten: Die Gelegenheit zur Bindung, die Qualität der Fürsorge, die Persönlichkeitseigenschaften des Kindes und die (familiären) Umstände. Im Gegensatz zu vielen Behauptungen, dass sich eine frühe Fremdbetreuung negativ auf das Urvertrauen oder die Bindung zu den primären Bezugspersonen auswirkt, kann hier festgehalten werden, dass Kinder sich an mehrere Bezugspersonen binden können – wichtig ist, dass diese stabil und verlässlich sind.

Mit dieser Basis ist es dem Kind möglich, seine Umwelt in Abwesenheit seiner primären Bezugsperson zu erkunden und den Tag ohne inneren Stress zu verbringen. Kinder brauchen andere Kinder für ihre Entwicklung und über die Bedeutung der Kindergruppe hat Renz-Polster in seinem Buch „Menschenkinder“ ausführlich geschrieben:

„Auch in sozialer Hinsicht bauen sich Kinder in gemischtaltrigen Gruppen eher „Entwicklungsbrücken“. Denn in einer altergemischten Kindergruppe durchläuft ein Kind ganz automatisch eine Vielzahl sozialer Stationen. Es mag zunächst das Kleinste und Schwächste sein, irgendwann aber gehört es zu den Größeren, Stärkeren und Klügeren. Wer heute nur zuhört, dem wird morgen zugehört. Diese Flexibilität im Geben und Nehmen tut den Kindern gut – man denke nur an die herzerfrischende Bewunderung, die jüngere den älteren Kindern so großzügig zeigen. (…) In einer eintönigen Kindergruppe dagegen macht ein Kind eher eintönige soziale Erfahrungen – jedes Kind kauert sozusagen in seiner Nische und wird auch von den anderen in der immer der gleichen Rolle wahrgenommen.“ (S. 58)

Die anderen Kinder ersetzen nicht die sichere Bindung, die zwischen Kinder und Pädagoge/Pädagogin aufgebaut werden muss.

Bindungsorientierte Eingewöhnung – nach Modell oder Bauchgefühl?

Der Aufbau einer Bindung geht nicht von heute auf morgen. Damit Bindung entstehen kann, braucht es Zeit. Gerne werden dafür in Kindergärten Modelle wie das „Berliner Modell“  für die bindungsorientierte Eingewöhnung als Grundlage herangezogen. Die Autoren dieses Modells (Laewen, Andrés und Hédervári) betonen, dass es sich dabei um kein Rezept handelt, sondern um einen Vorschlag, der auch das Bindungsverhalten berücksichtigt. Schaut man in manche Kindergärten, scheint es sich dabei um  einen Fahrplan zu handeln, bei dem keine Rücksicht auf individuelle Komponenten des Kindes oder der Familie Rücksicht genommen wird.

Modelle dieser Art erstrecken sich über einen Zeitraum von vier Wochen, bei dem die Eltern (oder auch nur ein Elternteil) passiv im Gruppenraum dabei bleibt, sich aber nach und nach für immer länger werdende Zeiträume verabschieden. Der Zeitpunkt, wann sich die Eltern verabschieden ist nicht starr, sondern orientiert sich am Kind und an den Eltern, denn auch diese müssen bereit sein, das Kind, das sonst immer bei einem war, loszulassen und einer „fremden“ Person anzuvertrauen. Erst wenn eine stabile Beziehung aufgebaut ist und sich das Kind auch beruhigen lässt, erfolgt eine Erweiterung mit Mittagessen, Mittagschlaf und Windeln wechseln – drei Situationen, die sehr viel Vertrauen erfordern und daher auf einer guten Beziehungsbasis stattfinden sollen. Dabei geht es auch um die Integrität des Kindes, die nicht verletzt werden soll – denn Windeln wechseln ist ein sehr intimer Vorgang. Wichtiger als alle Modelle ist jedoch, dass die Eingewöhnung sich an der Bindung und am Kind orientiert. Zeit und Raum für individuelle Parameter machen es allen Beteiligten leichter, sich auf die neue Situation einzustellen. Dass das Kind bei den ersten Trennungsversuchen weint ist normal und ein Zeichen für eine sichere Bindung zu Mutter/Vater – erst wenn es sich aber von der/dem PädagogIn beruhigen lässt, ist auch hier bereits eine erste Bindung entstanden. Lässt sich das Kind jedoch nicht beruhigen, dann soll nicht einem festen Zeitplan gefolgt werden, sondern mehr darauf geachtet werden, wie sich das Kind fühlt, was es braucht und welche Bedürfnisse es hat. Auch hier gilt: Jedes Kind ist anders.

Bindungsorientierte Eingewöhnung: „In unserem Kindergarten gibt es keine Eingewöhnungsphase“

Es gibt tatsächlich Einrichtungen, die von einer Eingewöhnungsphase absehen, weil dieser Zeitraum als sehr anstrengend und herausfordernd erlebt wird: Über mehrere Wochen sind immer Eltern im Gruppenraum dabei, die einem bei der Arbeit genau auf die Finger schauen, die Fragen stellen, die sich einmischen. Über mehrere Wochen herrscht in der Gruppe Unruhe, weil neue Kinder dazukommen, weil diese neuen Kinder vielleicht noch viel weinen, weil die Gruppe an den Gruppenraum gebunden ist und für Ausflüge keine Zeit bleibt. Mehrere Wochen widmet sich der/die PädagogIn besonders den neuen Kindern, kuschelt (im Idealfall) viel mit ihnen und schenkt ihnen viel Körperkontakt. Aber für eine Bindung ist dies essentiell – ohne Möglichkeit eine neue Bindung aufzubauen, schwimmen diese Kinder verloren in der Gruppe mit, verhalten sich (wahrscheinlich) sehr angepasst (was den Eindruck erwirkt, dass alles passt), erleben aber innerlichen Stress, weil ihnen ein „Leuchtturm“ fehlt: Ein Leuchtturm, der sie in den Arm nimmt, der ihnen mit einem Blick oder einer Berührung Sicherheit vermittelt – es fehlt die Exploration. Lediglich für ältere Kinder, die selbst entscheiden, dass sie ohne (primäre) Bezugsperson einen Kindergarten besuchen wollen und eine Eingewöhnung bzw. Begleitung der Eltern ablehnen, ist dies eine mögliche Form, den Übertritt in die außerhäusliche Betreuung zu bewältigen. Dabei handelt es sich dann meist um Kinder ab 3 Jahren aufwärts, die diesen Wunsch selbst formulieren. Dennoch ist auch dann auf die Qualität der Betreuung zu achten und zu beobachten, wie es dem Kind mit diesem Wunsch letztendlich geht. Nimmt sich ein Kindergarten aus Prinzip keine Zeit für eine Eingewöhnung, dann wäre zum Wohle des Kindes von einem Besuch abzuraten und lieber eine Alternative zu suchen.

Bindungsorientierte Eingewöhnung: Was kommt auf das Kind zu?

Wie wichtig eine neue Bezugsperson für das Kind ist versteht man dann, wenn man sich anschaut, was auf das Kind im Zuge der Eingewöhnung zukommt:

Für die meisten Kinder bedeutet der Übertritt in den Kindergarten oder in die Krippe die erste Trennung von den primären Bezugspersonen und damit eine große Lebensumstellung: Es wird mit neuen, zu Beginn fremden Personen konfrontiert, die es erst kennenlernen muss. Aber nicht nur das, auch neue Kinder sind dabei – vielleicht kennt das Kind schon ein paar vom Spielplatz, aber sie sind kein Ersatz für die Mama oder den Papa. Sie bieten eine erste Orientierung. Wie wichtig die bindungsorientierte Eingewöhnung ist, sollte hier schon klar werden. Es geht um mehr als nur einen neuen Ablauf kennenzulernen.

Der Gruppenraum schaut ganz anders aus als das zu Hause, es gibt andere Spielsachen, es gibt Lese- und Kuschelecken, es gibt andere Strukturen. Zum ersten Mal erfährt das Kind, dass es andere Regeln und Abläufe gibt, dass es nicht im Mittelpunkt steht (da haben es Geschwisterkinder vielleicht ein bisschen einfacher), dass seine Bedürfnisse nicht gleich befriedigt werden. Es erlebt andere Gerüche, es entdeckt andere Spielmaterialien, die es mit dem ganzen Körper wahrnimmt. Die kleinen Hände entdecken und begreifen so viel in dieser sensiblen Zeit, dass das Kind schnell ermüdet und vielleicht Ruhe sucht. Aber das geht nicht immer. Das Kind muss mit einem anderen Geräuschpegel zurechtkommen als zu Hause – selbst wenn schon Geschwister da sind, ist es doch etwas anderes als mit 15 Kindern, die sonst nur beim Kindergeburtstag durch die Wohnung flitzen. Es lernt erst langsam, dass es ein Teil einer Gruppe ist. Diese neuen Umstände führen auch dazu, dass Kinder anfälliger für Krankheiten sind, denn ihre ganze Energie benötigen sie für die Bewältigung der Trennung und der Gruppensituation. Selbst nach mehreren Wochen in der Gruppe konnte im Rahmen der Wiener Krippenstudie der Universität Wien noch bei vielen Kindern beobachtet werden, wie sie noch nach Monaten in kritischen Situationen unter der Trennung litten – erst nach einigen Wochen bis Monaten war die Beziehung zur/zum PädagogIn so stabil, dass diese einen annähernd gleichwertigen Status wie die primäre Bezugsperson erreichte. Es lohnt sich daher, viel Zeit in eine bindungsorientierte Eingewöhnung zu investieren, ob es den Kindern leichter zu machen.

Bindungsorientierte Eingewöhnung: Was kommt auf die Eltern zu?

Bindungsorientierte Eingewöhnung betrifft nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern. Die Situation der Eltern kann man gut mit dem Wort „Loslassen“ zusammenfassen. Zum ersten Mal im Leben ihres Kindes müssen Eltern loslassen, sich von ihrem Kind trennen und die Verantwortung ein Stückweit abgeben. So kann es durchaus schmerzlich sein zu beobachten und zu sehen, wie das Kind in den Armen einer fremden Person liegt und sich trösten lässt und zu sehen, dass sich auch jemand anderer gut um das eigene Kind kümmern kann, das ansonsten 24h am Tag um einen war. Eltern werden schnell erfahren, dass ihr Kind Dinge erlebt und Erfahrungen macht, bei denen sie nicht dabei sind – sie werden den ein oder anderen Entwicklungsschritt nicht als Erstes wahrnehmen. Von manchen Dingen werden sie nur erzählt bekommen, sie werden ihr Kind nicht dabei beobachten können. Sie werden das Gefühl haben, dass das eigene Kind ungerecht behandelt wird, dass es zu wenig Aufmerksamkeit bekommt – und daran müssen sie sich gewöhnen, denn wer sich um 15 Kinder gleichzeitig kümmern muss, hat für jeden einzeln nur wenig Zeit. Sie müssen anerkennen, dass es nun auch jemand anderen gibt, der im Leben des Kindes eine wichtige Rolle spielt, zu dem das Kind eine Beziehung aufbaut, vielleicht auch einmal „Mama“ sagt oder „Ich hab dich lieb“. Gleichzeitig verspüren Eltern aber vielleicht auch große Sehnsucht nach diesem kleinen Wesen, das doch noch vor kurzem auf ihrem Unterarm lag, an der Brust trank und eng im Tragetuch gewickelt an sie geschmiegt war. Doch ist die gewonnene Freiheit nicht auch schön? Ja, das kann sie sein, wenn man in Gedanken nicht nur ständig bei dem Kind wäre mit der Frage, ob es ihm denn gut ginge, ob es sich wohl fühlt, ob alles gut geht und dabei ganz darauf vergisst, die Unterlagen für das nächste Meeting vorzubereiten. Statt nachmittags ein Kind in die Arme zu schließen, das freudig mit weit geöffneten Armen auf einen zuläuft, holt man sein Kind tränenüberströmt ab, weil es noch nicht gehen möchte. Statt noch lustige Nachmittage mit anderen Kindern am Spielplatz zu verbringen, kuschelt man sich lieber aufs Sofa, weil die ganzen neuen Eindrücke des Tages erstmals verdaut werden müssen – Eltern und Kinder. Die bindungsorientierte Eingewöhnung tut auch den Eltern gut, weil sie Vertrauen aufbauen können und das Loslassen Stück für Stück geschieht.

„Mein Kind hat gar nicht geweint“ – ist das die gelungene bindungsorientierte Eingewöhnung?

Es gibt nach Fürstaller, Funder und Datler drei Kennzeichen für eine gelungene Eingewöhnung:

  1. Das Kind hat nur noch mit geringen negativen Gefühlen zu kämpfen und es erlebt die Situation als angenehm und lustvoll.
  2. Es wendet sich Menschen, Gegenständen und Angeboten mit Interesse zu.
  3. Es kann in der Gruppensituation mit den Erwachsenen und den Kindern in dynamische und soziale Austauschprozesse treten.

Weinen bzw. Nicht-Weinen als Indikator für eine gelungene Eingewöhnung heranzuziehen ist alleine nicht ausreichend nach Grossmann und Grossmann, die den Begriff der „still leidenden Kinder“ formten: Negative Gefühle werden nicht zwangsläufig durch Weinen zum Ausdruck gebrachten, sondern auch durch stille Traurigkeit, zielloses Herumwandern, stereotype Bewegungen, Hyperaktivität oder Rückzug. Werden diese Verhaltensweisen bei einem Kind beobachtet, so sollte unbedingt das Gespräch gesucht werden, denn womöglich braucht das Kind einfach noch ein wenig mehr Zeit. Und genau das sollten Eltern ihren Kinder und auch sich selbst geben: Zeit, diesen neuen Lebensabschnitt positiv zu bewältigen.

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