Warum Lob die bedingungslose Liebe einschränkt

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Die meisten Eltern würden sagen, ihr Kind bedingungslos zu lieben. Also wirklich ohne jede Bedingung zu lieben. Egal was es macht, man liebt sein Kind. Aber weiß das Kind das auch? Und was hat das Lob damit zu tun? Dazu möchte ich euch ein Buch empfehlen: „Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn.

 

Was ist also bedingungslose Liebe?

Für Kinder ist die bedingungslose Liebe die beste Voraussetzung, dass sie sich selbst annehmen können, gedeihen können und zu Menschen heranwachsen, die sich so lieben, wie sie sind. Damit unsere Kinder zu glücklichen, freien und verständnisvollen Erwachsenen werden, sind diese Eigenschaften von großer Bedeutung. Eltern ist es aber gar nicht immer bewusst, dass sie ihre Liebe an Bedingungen knüpfen: Wir erzählen unserem Kind keine Gute-Nacht-Geschichte mehr, wenn es sich nicht die Zähne putzen lässt und belohnen es mit Stickern, wenn es sein Zimmer ordentlich hält.

 

Was ist also bedingungslose Liebe?

Alfie Kohn schreibt dazu:

„Kinder dafür zu lieben, was sie tun, oder Kinder dafür zu lieben, wer sie sind. Die erste Art von Liebe ist an Bedingungen geknüpft, das heißt, Kinder müssen sich unsere Liebe dadurch verdienen, dass sie sich so verhalten, wie wir es für angemessen halten, oder dadurch, dass ihre Leistungen unseren Erwartungen entsprechen. Die zweite Art von Liebe ist bedingungslos: Sie hängt nicht davon ab, wie sie sich verhalten, ob sie erfolgreich sind oder gute Manieren haben oder irgendetwas sonst.“

Alfie Kohn stellt auch die Frage, was bedingungslose Liebe ist: Reicht es wirklich aus, dass wir unsere Kinder lieben oder ist es nicht entscheidend, wie wir sie lieben? Es gibt seiner Meinung nach einen großen Unterschied, ob unsere Kinder das Gefühl haben, sie werden geliebt wegen dem was sie tun oder wegen dem wer sie sind. Das klingt einleuchtend, denn Kinder werden nicht mit dem Wissen geboren, dass wir sie bedingungslos lieben – sie müssen sich dessen immer wieder versichern. Diese Versicherung holen sie sich durch Zuwendung, durch Nähe, durch Körperkontakt und auch durch unsere Worte. Da kommt nun das Loben ins Spiel. Alfie Kohn nennt dazu auch ein Beispiel:


Eltern wenden sich ihren Kindern immer dann stark zu, wenn diese einen Entwicklungsschritt gemacht haben, sich besonders gut benommen haben oder eine tolle Leistung erbracht haben. In ihrer Freude überschütten sie das Kind mit positiven Verstärken und loben es – nichts ist gegen ein ehrliches Lob einzuwenden. Es wäre traurig, würden Kinder von ihren Eltern kein Lob mehr erfahren. Jeder (kleine) Mensch freut sich über ein Lob, denn es spornt an und macht stolz. Aber es kommt darauf an, wie gelobt wird – da gibt es feine Unterschiede.

Zu viel Lob und Anerkennung machen süchtig

Eltern wollen für ihr Kind nur das Beste –  davon gehen wir aus. Jeder Elternteil gibt in seinem Rahmen und mit seinen Möglichkeiten und mit seinem Verstehen das Beste für sein Kind. Damit die Kinder auch die nötige Dosis an Selbstbewusstsein abbekommen, loben Eltern ihre Kinder und sagen ihnen immer, wie klug, toll, schön sie sind. Doch wie soll sich Selbstbewusstsein und ein Selbstwertgefühl entwickeln, wenn es immer von außen bewertet wird? Und wie soll ein Kind einordnen, wenn es sein Bild selbst nicht „schön“ findet, aber von außen erfährt, wie „toll“ es ist? Wie kann es auf dieser Basis selbstkritisch werden? So verständlich der Stolz der Eltern auch ist, so kontraproduktiv kann es sein, das Kind mit Komplimenten wie „du bist so klug“ zu überschütten. Viele Eltern loben zu pauschal und vor allem zu viel, wenn man Expertenmeinungen glaubt: Zu viel Lob und Anerkennung können süchtig machen – natürlich kann jeder sein Kind Tag und Nacht loben. Das wird einem niemand verbieten. Es bleibt dann nur die Frage: Was passiert dann?

Auf Kinder wirkt Lob wie eine ständige Bewertung und führt dazu, dass Kinder unter Druck geraten. Zu viel Lob und zu viel Komplimente fördern die Leistungsfähigkeit keineswegs, sondern sie verringern sie sogar. Studien haben gezeigt, dass sich das Loben nachhaltig auf das Verhalten und die Bemühungen des Kindes auswirkt – wurden die Kinder in dem Experiment für ihre Bemühungen belohnt, dann hat sie dieses Lob  motiviert, denn Bemühungen können gesteuert werden. Gelobte Eigenschaften hingegen haben den Erfolg geschmälert.

 

Warum Lob die bedingungslose Liebe einschränkt

Was passiert beim Kind, wenn es gelobt wird? Es fühlt sich besonders geliebt, besonders angenommen. Das ist auch schön und tut gut. Doch wenn das Kind für jede „Kleinigkeit“ gelobt wird, wenn das Loben mechanisch wird, dann wird es schnell erkennen, dass dem Lob immer eine Handlung voraus ging und es wird sich nicht bedingungslos geliebt fühlen. Es wird abspeichern, dass es immer etwas vollbringen muss, um Lob und Anerkennung zu erfahren und irgendwann wird es von diesem Lob und der Bestätigung durch andere Menschen abhängig. Es wird für das Kind der Eindruck entstehen, dass es sich die Zuneigung verdienen muss und diese an eine Bedingung geknüpft ist. Unterstützt wird dieses Verhalten dann noch durch die Tatsache, dass Zuneigung entzogen wird, wenn das Kind ein unerwünschtes Verhalten zeigt. Oft geschieht das gar nicht bewusst, aber dennoch zieht das Kind seinen Schluss daraus:

Lob, Zuwendung und Anerkennung bei einem erwünschten Verhalten,

Schimpfen, Ablehnung und Strafe bei einem unerwünschten.

Mit dieser Möglichkeit könnte das Verhalten des Kindes doch gut beeinflusst werden – und ja, es funktioniert auch. Wie die Ratten in der Skinnerbox begreifen auch sie, welchen Schalter sie drücken müssen, um Lob zu bekommen. Es gleicht einer Konditionierung, einer Manipulation. Und damit ist die Liebe an eine Bedingung geknüpft.

Das Problem mit dem Loben

Alle Menschen brauchen Anerkennung und holen sich diese durch das Lob: Doch es gibt einen Unterschied zwischen einem ehrlichen Lob und einem manipulativen Lob.  Wirklich glücklich macht uns ein ehrliches Lob, das von Herzen kommt: Ein „Super, gut gemacht“ das von Herzen kommt, spüren wir auch so. Und wir können uns sicher sein, dass wir auch dann noch geliebt werden, wenn dieses Lob ausbleibt. Bei unseren Kindern ist es dennoch ein wenig schwieriger, weil sie noch nicht über das Wissen verfügen, dass wir sie immer lieber. Sie brauchen diese Rückmeldung immer wieder – aber nicht in Form von Lob, sondern in Form von Nähe, Zuneigung, Interesse, Achtsamkeit.

Beim häufigen Loben verlernt das Kind, sich über sein Schaffen zu freuen, sondern stuft es nur dann als besonders ein, wenn es dafür gelobt wird. Es wird immer mehr Lob brauchen, weil Lob gut tut. Es wird süchtig nach Lob und wird auch immer fragen „Habe ich das gut gemacht?“, „Ist das Bild schön?“ Das lässt sich sogar wissenschaftlich belegen: Im Gehirn werden Dopamin, Oxytocin und körpereigene Opiate ausgeschüttet, die beim Kind für Glücksgefühle, Entspannung und Lebensfreude sorgen. Das Kind wird danach süchtig und braucht immer mehr Lob, um diese Gefühle zu empfinden.

Beim manipulativem Lob wird nur gelobt, um ein Verhalten zu verstärken oder zu erzielen – und wenn wir mal ehrlich sind, loben wir unsere Kinder deutlich mehr als unseren Partner, oder? Es würde uns auch komisch vorkommen. Und wir loben nicht nur  dann, wenn wir uns von Herzen freuen, sondern auch, wenn uns ein Verhalten besonders gut gefällt oder wir möchten, dass unser Kind ein bestimmtes Verhalten zeigt. Hat mein Partner abends gekocht, dann sage ich „Danke, es hat mir geschmeckt“ und nicht „Prima, dass du gekocht hast“.

Als Übung wäre es gut, sich am Abend hinzusetzen und zu überlegen, wie oft man heute sein Kind gelobt hat und wofür. Im nächsten Schritt kannst du dich dann fragen, was du stattdessen persönliches hättest sagen können.

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Darf ich mich nicht freuen, wenn mein Kind den ersten Schritt macht?

Wir glauben, jeder Elternteil wird feststellen, dass das ein oder andere Lob doch eher dazu da war, das Verhalten zu verstärken, oder? Da brauchst du nun kein schlechtes Gewissen haben, denn alleine das Wissen darüber kannst du als Chance nutzen, deine Sprache zu beobachten. Aber wie erkennst du nun ein Lob, das du nur zur Verstärkung verwendet hast? Etwa „Toll, wie schön dein Zimmer aufgeräumt ist“ als Wunsch, dass dein Kind auch weiter aufräumt oder „Super, dass du heute alleine duschen warst“ – bitte mach das weiterhin. Du brauchst nun auch nicht stumm danebenstehen, wenn dein Kind sich zum ersten Mal umdreht, die ersten Schritte macht oder einen Kopffüßler malt –

NEIN! Jubel mit, sei begeisert, und sag ruhig, wie großartig, toll, prima oder was auch immer du benutzen möchtest, dass dein Kind sich drehen kann, laufen lernt oder eine Figur gemalt hat. Bitte freue dich von Herzen mit deinem Kind, denn es geht bei Beziehung auf darum, authentisch zu sein! Dieses Lob ist nicht manipulativ, das ist echt! Und ehrlich: Wer kann hier schon stumm daneben stehen? Wir nicht.

Worauf wir hinauswollen ist das manipulative Lob und das ständige Loben für (manchmal wirklich) jeden Pups: Toll, prima, super, spitze – den ganzen Tag. Kinder wollen nicht den ganzen Tag gelobt werden, sie wollen gesehen und angenommen werden. Jedes Lob, das einfach nur so gesagt wird, schmälert die Bedeutung von einem echten Lob. Statt auf ein „Mama schau, wie hoch ich schaukeln kann“ sag einfach „Ich sehe dich“ oder  „Ich sehe dich, du hast es ganz alleine geschafft“ wenn dein Kind zum ersten Mal in seinem Leben so hoch schaukelt. Es reicht deinem Kind vollkommen aus, wenn du es siehst – du musst es dabei nicht immer bewerten. Würdest du jetzt „Toll, super, spitze“ rufen, würdest du die Handlung bewerten: Aus einer Beobachtung wird also schnell eine Einschätzung.

Genau das geschieht beim manipulativem Lob: Statt einer Anerkennung wird eine Wertung ausgedrückt – eine Leistung wird bewertet. Mein Kind erfährt so, dass es mir gefällt, was es getan hat und es wird es das nächste Mal vielleicht nicht mehr machen weil es Freude am hoch schaukeln hat, sondern weil es dafür gelobt werden will. Die intrinsische Motivation, die angeborene Neugier und der Motor unseres Lernens, geht ein stückweit verloren – dabei wünschen wir uns in der Schule nichts mehr, als wissbegierige Kinder. Das manipulative Loben geht an dem Wunsch des Kindes vorbei, angenommen zu werden. Es möchte also Person wahrgenommen und angenommen werden, nicht aufgrund seiner Handlungen. Es möchte bedingungslos geliebt werden. Es wird lernen, dass es geschätzt und geliebt wird aufgrund seiner Person und nicht aufgrund seiner Leistung, wenn es Anerkennung erfährt. Und es wird unsere Liebe auch nicht anzweifeln, wenn es keine tollen Leistungen erbringt, sondern sich sicher sein, dass seine Eltern es immer lieben. Und genau das möchten Eltern ihren Kindern doch auch vermitteln, oder? Hat mein Kind sein Zimmer also aufgeräumt, sage ich nicht „Toll, dass du dein Zimmer aufgeräumt hast“, sondern einfach nur „Danke“.

Es geht beim Loben, weniger Loben oder Nicht-Loben gar nicht darum, jedes Wort auf die Waagschale zu legen, natürlich nicht. Sondern es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, wie das Lob wirkt und was der Unterschied zwischen Anerkennung und (manipulativem) Loben ist. Es tut einem Kind nicht gut, wenn es zu viel gelobt wird, aber auch kein Lob und keine Anerkennung zu erfahren, kann für ein Kind eine belastende Erfahrung sein. Es ist für ein Kind wichtig, dass echte Freude immer ausgedrückt wird, immer, immer, immer. Idealerweise ist diese Freude, dieses Lob, diese Anerkennung nicht an Bedingungen geknüpft und auch nicht manipulativ.

Quellen:
Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung
Alfie Kohn: Der Mythos des verwöhnten Kindes: Erziehungslügen unter die Lupe genommen
Daniel Siegel: Achtsame Kommunikation mit Kindern: Zwölf revolutionäre Strategien aus der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes
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