Rivalität und Eifersucht unter Geschwistern

Meine 3jährige Tochter haut, kratzt und beißt seit ein paar Monaten vermehrt (Geburt eines Geschwisterchens). Wie kann ich mit diesen Ausbrüchen am besten umgehen? Vorwiegend trifft es ihren kleinen Bruder (7 Monate), aber manchmal auch befreundete Kinder.
Seit 1 Woche will sie plötzlich wieder eine Windel tragen, macht aber nicht hinein. Sie ist schon trocken tagsüber und nachts. Soll ich es ihr verbieten oder es zulassen? Danke!

 

Hallo!

Um deine Frage zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen: Geschwister zu haben ist eine tolle Sache und es ist eine Bindung, die nicht mit einer Freundschaft verglichen werden kann. Geschwisterbeziehungen sind oft die längsten Beziehungen des Lebens. Die Geschwisterbeziehung ist es etwas ganz Besonderes und keinesfalls eine Beziehung, die durch andere Formen nachgeahmt werden kann. Geschwister spielen miteinander, sie streiten, sie vertragen sich und sie machen gemeinsame Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Familie. So viele Vorteile es auch hat Geschwister zu haben, es tut den Kindern auch gut, wenn sie ein wenig Mama/Papa für sich alleine haben, ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen.

Eifersucht unter Geschwistern: Die Entthronung

Eifersucht unter Geschwistern ist ein alltägliches Problem.  Für deine Tochter ist die Geburt eines Geschwisterchens eine große Umstellung und sie durchlebt eine Fülle von Gefühlen: Stolz, Liebe, Freude, Angst, Eifersucht, Enttäuschung und auch Wut. Bisher war sie euer Mittelpunkt, sie hatte dich und ihren Papa für sich alleine. Jetzt ist es anders. Jetzt ist hier noch ein kleiner Mensch, der gesehen werden möchte, der seine Bedürfnisse ausdrückt, der angenommen werden möchte und Nähe, Zuwendung und Liebe genauso braucht wie deine Tochter. Sie muss ihren Platz nun neu finden. Frag dich einmal, wie es sich für dein Kind anfühlen muss, wenn da plötzlich ein neuer Mensch so nahe in das Leben eurer Familie tritt? Oft wird dann der Vergleich angebracht, wenn der Papa plötzlich eine neue Frau mit nach Hause bringen würde und diese dann hier wohnt, isst und sich das Bett teilt. Aber: Erwachsene können diskutieren und verfügen über Strategien, ihre Wut, ihr Unverständnis, ihre Enttäuschung auszudrücken Deine Tochter noch nicht. Sie kann sich noch nicht so ausdrücken wie ein Erwachsener. Sie protestiert anders:  Manchmal vielleicht ganz leise und so leise, dass sie dabei nicht wahrgenommen wird. Und dann wird sie lauter, dann verschafft sie sich Gehör und merkt, wenn sie lauter protestiert, wenn sie Grenzen überschreitet, dann bekommt sie Aufmerksamkeit und Zuwendung. Jedes Kind gerät innerlich in einen Konflikt, wenn ein Geschwisterchen geboren wird. Dafür gibt es in der Psychologie sogar einen Fachbegriff, nämlich das Entthronungstrauma. Das Geschwisterchen wird als geliebt und gehasst betrachtet, weil es die bisherige Bindung und das Netz, das ist zueinander aufgebaut habt, sprengt. Für dein Kind kann diese Entthronung eine komplizierte Erfahrung sein.

Mit 3 Jahren befinden sich Kinder jedoch in der Loslösungsphase und das ebnet den Weg für einen natürlichen Ausweg. Dieser Ausweg kann der Papa sein, die Oma oder eine andere nahe, sehr nahe Bindungsperson für das Kind. Deine Tochter braucht eine nahe Bindungsperson an ihrer Seite, die sie emotional begleitet und ihr zur Seite steht. Also viel mit dem Kind unternehmen, in den Situationen der Wut und Enttäuschung mit Trost und Verständnis reagieren.  Die Rivalität zwischen Geschwistern ist von Fall zu Fall sehr verschieden und kann sehr stark sein. Es stellt sich also die Frage, warum deine Tochter diese Rivalität aufbaut. Ein Hauptgrund liegt bestimmt darin, dass sich durch die Geburt des Geschwisterchens deine Tochter entthront, zurückgesetzt und nicht mehr genug beachtet fühlt.

Eifersucht unter Geschwistern: Was du für dein Kind tun kannst

Mit „mithelfen“ und „Exklusivzeit“ ist es nicht getan. Nein, es geht darum, die Bedürfnisse hinter den Aktionen deiner Tochter zu sehen. Beißen, Hauen und Spucken sind natürliche Elemente der kleinkindlichen Kommunikation, deren Hauptmotiv simpel zu erklären ist: Aufmerksamkeit erreichen. Auch, wenn es negative ist und das Kind für sein Verhalten bestraft wird. Je heftiger du darauf reagierst, desto interessanter ist es für dein Kind und es schaut, ob dieselbe Reaktion wieder folgt und weiß, dass sie sich dadurch in den Mittelpunkt rücken kann. Viele Eltern versuchen dann an die Vernunft zu appellieren: „Warum machst du das? Das tut doch weh!“, doch das wird nichts nützen, weil das Kind entweder ohnedies weiß, dass es weh tut oder es noch nicht so weit ist, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. Stattdessen kannst du eine Strategie ausprobieren: Nicht deine Tochter bekommt nach einem „Angriff“ die Aufmerksamkeit, sondern ihr Bruder. Sie wird bald merken, dass ihre Absicht hinter dem Hauen nicht zu dem führt, was sie möchte und möglicherweise ihre Attacken einstellen. Das klappt nicht bei jedem Kind, manchmal kann es auch helfen, weder ihr noch ihm Aufmerksamkeit zu schenken, sondern einfach nur beherzt mit einem „Lass das“ einzugreifen.

Wenn du dich selbst beobachtest, dann wirst du deine Tochter wahrscheinlich im Alltag öfters zurückweisen, weil du gerade mit ihrem Bruder beschäftigt bist. Irgendwann reicht es deiner Tochter dann und sie zeigt dir, wie doof sie es findet, dass sie immer wieder warten muss – nicht immer sind solche Situationen vermeidbar, aber ich habe mich selbst im Alltag mit 3 Kindern oft dabei erwischt, dass manche Zurückweisungen unnötig waren. Wenn deine Tochter ihren Bruder haut, dann ist es eine Mittel zum Zweck für sie, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenn wir als Eltern dieses Verhalten als Provokation sehen und es bestrafen, dann verstärken wir es noch. Zur Aggression bei Kindern möchte ich dir noch folgendes Zitat mit auf den Weg geben:

Das Kind kann sich erst dann wieder ankuscheln, wenn es die Mutter auf ihre vorbehaltslose Liebe getestet hat. „Liebst du mich, wenn ich genauso wie das kleine Baby schreie? Liebst du mich auch, wenn ich nicht still bin?“ (Prekop)

Deine Tochter kann noch nicht abschätzen, was es auslöst, wenn sie ihren Schmerz und ihre Wut an ihrem Bruder auslässt. Deswegen ist es besonders wichtig, dass du Situationen vermeidest, in denen deine Tochter ihren Bruder verletzten kann – das ist anstrengend, aber von großer Wichtigkeit.

Deswegen:

Hinsehen, da sein und annehmen. Deine Tochter ist auf Liebe und Zuwendung angewiesen und besonders wenn so große Veränderungen in ihrem Leben passiert sind, dann braucht es besonders viel Hinsehen, Annehmen und Trösten. Sie braucht jemanden, der sie in dieser Zeit emotional stützt, der sie begleitet und ihr sagt, sie darf auch wütend sein. Ja, dieser Zuspruch tut gut! Ihre Gefühle sind keinesfalls falsch und sie muss auch nicht immer lieb sein. Sie darf wütend, traurig, enttäuscht, überfordert etc. sein – sie muss nur einen Weg finden, ihre Gefühle auszusprechen oder so zu artikulieren, dass dabei ihr Bruder nicht verletzt wird. All ihre Gefühle drückt sie in ihrem aggressiven Verhalten aus. Sie tut es, um auf ihren Schmerz, ihre Sehnsucht, ihre Wut aufmerksam zu machen.  Statt sie zu beschuldigen oder zu schimpfen, wäre es gut, wenn sich der Papa oder eine andere nahe Bindungsperson sich dieses Themas annimmt. Sie braucht jemanden an ihrer Seite, der sie auf den Schoß nimmt oder einen Spaziergang mit ihr macht und zeigt, dass er sie versteht. Sie braucht das Gefühl, dass sie angenommen wird. So könnte man mit ihr z.B. sagen: „Ich kann verstehen, dass du deinen Bruder manchmal hauen möchtest, obwohl du ihn lieb hast. Mir geht es manchmal auch so. Ich möchte ihn nicht hauen, aber mich stört auch, dass er so viel Zeit von Mama braucht und Mama dann keine Zeit mehr für mich hat Aber ich glaube, wir schaffen das.“ Wichtig ist, dass diese Worte von Herzen kommen und nicht einfach nur eine Strategie sind. Wenn sie von Herzen kommen, dann spürt deine Tochter das und fühlt sich angenommen. Oft braucht es gar nicht mehr und die Situation entspannt sich.

Wie du die Bindung zwischen den Geschwistern stärken kannst

Ich finde es immer wichtig, dass nicht nur die Übergriffe im Vordergrund stehen, sondern auch der Blick darauf geworfen wird, wie denn die Geschwisterbindung gepflegt wird. Bindung ist nichts, was einfach da ist, Bindung entsteht. Und besonders bei Geschwistern ist es eine sehr schicksalhafte Beziehung, denn sie suchen einander nicht aus, sondern müssen sich miteinander arrangieren. Da kann es nicht schaden, die Bindung zu stärken. Und wie kann Bindung am besten gestärkt werden? Über Berührung! Bindung entsteht durch Berührung, durch Körperkontakt, durch Nähe.

„Berührt, gestreichelt, massiert werden, das ist Nahrung für das Kind.
Nahrung, die genauso wichtig ist wie Mineralien, Vitamine und Proteine.
Nahrung, die Liebe ist.“ (Frederick Leboyer)

Liebe ist bedingungslos und ganz einfach:  Mit einer Geschwistermassage. Die Babymassage stärkt die Bindung zwischen dir und deinem Baby – so kann sie auch die Bindung zwischen Geschwistern stärken. Wenn du deinen Sohn noch nicht massierst, dann kannst du jederzeit damit beginnen – es ist nie zu spät! Und binde deine Tochter gleich mit ein. Auch sie kann ihren Bruder massieren – die Handgriffe für die Babymassage sind so leicht, dass eine 3-jährige das gut schafft. Biete es ihr an, zeige ihr, wie es geht und sag ihr, dass du weißt, sie schafft das.

Regression: Ich will wieder eine Windel!

Du hast auch geschrieben, dass deine Tochter wieder eine Windel tragen möchte. Regressionen sind neben Aggressionen eine weitere mögliche Strategie, um  Aufmerksamkeit zu bekommen. Du kannst die Suche nach der Aufmerksamkeit ganz einfach befriedigen: Lass sie Baby sein! Keine Sorge, das gibt sich wieder ganz von selbst wenn sie merkt, dass sie genauso geliebt wird und genauso dieselben Rechte hat wie ihr Bruder. Statt zu sagen „Du bist doch kein Baby mehr“ lass es zu und gib ihr, was sie sucht: Aufmerksamkeit. Deine Tochter möchte immer noch hören, dass sie deine Kleine ist und sie möchte auch so behandelt werden. Je mehr diese Nachholbedürfnisse befriedigt werden, desto schneller geht die Regression auch vorüber.

 

Fazit: Begegne der Geschwisterrivalität nicht mit Ärger. Ärger macht es nur schlimmer. Das Verhalten deiner Tochter ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit, von Angst, von Wut und Verunsicherung und daher ist es unumgänglich, dass du sie ernst nimmst und angemessen darauf reagierst, indem du genau hinsiehst und erkennst, was hinter ihrem Verhalten steckt. Deine Tochter braucht keine Grenzen, es braucht Aufmerksamkeit und einen Rückzugsort, an dem nur ihre Sachen sind und wo auch nur sie hindarf.

 

Liebe Grüße, Anna von welovefamily

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