Fremdeln: Bindung ist keine Selbstverständlichkeit

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Fremdeln ist ganz normal, denn Kinder wissen was sie wollen. Sie wissen wann sie müde sind, wann sie hungrig oder durstig sind, wann sie Nähe brauchen. Nur können sie ihre Bedürfnisse nicht immer so eindeutig benennen. Aber nicht nur das führt zu Missverständnissen in der Kommunikation mit seinem Baby. Manchmal wollen Erwachsene die Bedürfnisse auch nicht sehen oder wahrnehmen – bewusst oder unbewusst. Dabei ist es so wichtig, dass wir auf unser Bauchgefühl vertrauen und auch unsere Kinder bestärken, auf ihren Bauch zu hören.

Bindung braucht Zeit

Ein Baby wird geboren. Das freut nicht nur die frisch gebackenen Eltern, sondern auch die Geschwister, die Großeltern, die Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen. Auch sie machen sich genauso wie die Eltern Gedanken darüber, wie es dann sein wird, wenn das Baby da ist. Wie sie das Baby zum ersten Mal sehen, was sie ihm schenken, wie sie es herumtragen, mit dem Kinderwagen spazieren fahren und sie das Baby auf Urlaub mitnehmen.

Die Enttäuschung ist groß wenn die Verwandten dann sehen, dass sich im Leben des Babys aber erstmals alles nur um seine Eltern dreht. Die Eltern sind der Mittelpunkt für das Baby – es freut sich noch nicht, wenn der Opa kommt. Das Baby wird an der Brust gestillt, es wird getragen und kaum wird es der Oma zum Halten gegeben, weint es. Schnell tauchen Vorwürfe wie „Glucke“, „Helikoptermama“ und „Du verwöhnst ihn/sie ja total“ auf. Gut gemeinte Ratschläge wie „Das muss er/sie jetzt aber lernen“ und „Spring doch nicht gleich bei jedem Mucks“ sind hier fehl am Platz – ein Baby weint nicht, um uns zu ärgern. Dahinter steckt IMMER ein Bedürfnis. Das muss nicht Hunger und Durst sein, es kann auch Sicherheit sein.

Die Bindung zu den Großeltern und anderen Verwandten gibt es nicht automatisch mitgeliefert. Die muss erst aufgebaut werden. Je weniger Kontakt besteht, desto schwieriger ist es natürlich, denn Bindung braucht

  • Beständigkeit
  • Nähe
  • Empathie und
  • Berührung.

Für eine sichere Bindung braucht es eines: Zeit. Und die muss jede Person investieren, um eine Beziehung aufzubauen.

Ein Baby ist kein Pokal, der von Hand zu Hand gereicht wird. Fühlt sich ein Baby unwohl, wurde es überrumpelt oder bereitet ihm vielleicht eine tiefe Stimmlage Unbehagen, wird es schnell seinen sicheren Hafen suchen: Seine Eltern. Ein Baby, das weint, gehört zu seinen Eltern zurück. Es muss sich nicht an fremde Hände gewöhnen, wenn es damit gerade überfordert ist. Es geht darum, die Grenzen des Kindes zu respektieren.

Kinder werden älter und auch ihr Gedächtnis wird ausgeprägter. Es fällt ihnen zunehmend leichter, sich an Personen zu erinnern, die Bindungserlebnisse mit ihnen abzurufen, Gefühle zu zeigen und so das „warm werden“ verkürzen.

Fremdeln: Ein natürlicher Entwicklungsschritt

Wenn Kinder fremdeln, dann kann es auch den zweiten Elternteil betreffen, der vom eigenen Kind zurückgewiesen wird. Typischerweise fremdeln Kinder zwischen dem 3. und 8. Lebensmonat. Ist das Kind dann müde, hat es sich verletzt oder hat es Angst, dann gibt es plötzlich nur noch eine Person, nämlich die erste Bindungsperson (meist die Mutter), die das Kind beruhigen kann und darf.

Oft fällt dann zum ersten Mal der Satz „Das ist ein richtiges Mama-Kind“ oder „Das ist, weil du das Kind ständig herumträgst“ oder „Du musst dein Kind langsam daran gewöhnen, dass es ohne dich auskommt.“

STOP!

  1. Du kannst dein Baby im ersten Lebensjahr nicht verwöhnen. Dafür ist sein Gehirn noch gar nicht weit genug entwickelt.
  2. Wie kannst du ein Baby damit verwöhnen, wenn du seine Bedürfnisse erfüllst? Das geht gar nicht.
  3. Fremdeln ist eine normale Phase

Viele Eltern beginnen nun, sich für das Verhalten ihres Kindes zu rechtfertigen oder es zu erklären. Das musst du nicht. Natürlich ist es hart, wenn Großeltern und Kind in dieser Zeit überhaupt nicht warm werden miteinander. Wenn sich das Kind immer bei der Mutter verkriecht, jedes Lächeln abgeschmettert wird und jeder Versuch der Kontaktaufnahme auf Ablehnung stößt. Eltern stehen dann oft zwischen den Stühlen. Denn sie merken das Unwohlsein ihres Kindes und die Ablehnung, andererseits auch die Enttäuschung im Gesicht der Verwandten, die es ja nur lieb meinen und gerne mit ihrem Enkelkind kuscheln wollen.

Nur nicht einknicken

Kommen dann zu dem schlechten Gewissen den Erwartungen nicht zu entsprechen auch noch kluge Sprüche hinzu, dann knicken Eltern irgendwann ein. „Nun hab dich nicht so. Komm doch zur Oma.“ Und tun was? Den Kontakt zwischen den  beiden Parteien fördern. Gegen den Willen des Kindes, das augenblicklich nicht damit umgehen kann.

Dabei wäre es genau dann wichtig, nicht nur seine eigenen Grenzen zu wahren, sondern auch darauf zu achten, die Grenzen des Kindes zu wahren und darauf zu achten, dass sie auch von anderen gewahrt werden.

Ein Kind, das mit seinem ganzen Körper zeigt, dass es Oma und Opa gerade nicht möchte, will nicht. Egal warum. Und auch egal, weil es ja Oma und Opa ist. Das Kind gegen seinen Willen anzufassen oder hochzuheben ist eine eindeutige Grenzüberschreitung und darf nicht passieren.

Wie würdest du dich dabei fühlen, wenn dich einfach ein fremder Mensch berührt oder gegen deinen Willen anfasst? Ungut, oder? Wenn das nächste Mal jemand deinem Kind einfach über den Kopf wuschelt, dann wuschel zurück – der Gesichtsausdruck ist Hammer. Und dann stell dir vor, deine beste Freundin, die weiß, dass du XY nicht leiden kannst, setzt diesen Menschen genau auf euch an. Du kannst gar nicht mehr Nein sagen und deine beste Freundin, der du vertraust, steht daneben und unterstützt wen? XY!

Die Grenzen der Kinder achten

Eine Beziehung zueinander aufzubauen hat auch damit zu tun, die Grenzen zu achten. Achten wir die Grenzen unserer Kinder nicht, zerstören wir ihr Bauchgefühl. Wir sprechen ihnen ab, dass es nicht richtig ist, was sie spüren und vermitteln ihnen, dass sie sich anders fühlen sollen. Damit zerstören Eltern ihre Integrität, ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstwertgefühl.

Die Grenzen zu wahren hat Einflüsse auf das spätere Leben: Wenn das Kind Opfer von sexuellem Missbrauch wird, wenn es immer an die falschen Partner gerät, benutzt wird oder andere benutzt. Dann können wir nicht wegschauen und uns fragen, woher sie das denn haben. Es ist unsere Verantwortung, die Grenzen unserer Kinder zu achten und zu verteidigen, damit sie sich selbst und die Grenzen anderer respektieren können. Wenn Kindern vermittelt wird, immer das zu tun, was erwartet wird, ohne auf sich selbst zu achten, woher sollen die dann ihre Grenzen kennen?

Die Kinder bezahlen einen großen Preis, wenn sie sich nur so verhalten, wie wir es wollen und nur, damit die Erwartungen anderer erfüllt werden. Also bitte liebe Verwandte, weder ich noch mein Kind meinen es böse, wenn wir einen Schritt zurückgehen und uns Raum verschaffen. Bindung und Beziehung brauchen Zeit – so kann auch das Band entstehen, das wir uns alle gewünscht haben.

 

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