Das kindliche Spielen: Bitte nicht stören

Spielen hat eine zentrale Bedeutung im Leben eines Kindes. Wir haben uns angeschaut, was Kinder zum Spielen brauchen und warum Spielen so wichtig für sie ist. Interessanterweise werden Spielen und Lernen in der Forschungsliteratur immer noch getrennt voneinander behandelt. Dabei ist das Spielen die elementarste Form des Lernens.

Biologisch gesehen ist Spielen ein Grundbedürfnis des Kindes. Das frei gewählte Spiel, das vom Kind aus geschieht, beeinflusst seine gesamte Entwicklung – geistig, emotional, motorisch, kreativ und sozial. Spielen ist die Grundvoraussetzung für Lernen. Das Kind macht sich im Spiel mit seiner Umgebung vertraut, es beginnt sein Umfeld zu begreifen und zu bewältigen. Lernen und Spielen werden in der frühen Kindheit gemeinsam betrachtet, denn beides geschieht aus derselben Intention heraus: Neugier. Spielen ist Grundvoraussetzung für eine gesunde Entwicklung und eine glückliche Kindheit.

Ein Baby, das eine Rassel schüttelt, lernt dabei seine Hände zu kontrollieren, seine Kraft einzusetzen und seine Muskeln zu betätigen. Er lernt was es tun muss, damit es Geräusche machen kann. Dieses Erfolgserlebnis befriedigt das Baby und seinen Entdeckerdrang so sehr, dass es immer weiter forschen möchte. Dazu braucht es eine Anregung von außen.

Wusstest du, dass Kindern in den ersten sechs Lebensjahren rund 15.000 Stunden spielen?

 

Was brauchen Kinder zum Spielen?

Eltern wird nachgesagt, dass sie ihre Kinder mit Spielzeug überhäufen und auch überfordern. Das Überangebot tut ihnen nicht gut und kann keinesfalls eine Bindung oder ein Zusammenleben ersetzen. Ganz an den Haaren herbeigezogen ist dieser Vorwurf auch nicht, wenn man in heillos überfüllte Kinderzimmer blickt oder wenn Mütter fragen, was sie ihrem 3-jährigen Kind denn schenken könnten, denn es hat schon alles. „Früher, da haben die Kinder aus wenig alles gemacht und nicht so viel Angebot gebraucht“ hört man dann schnell ein wenig vorwurfsvoll. Doch stimmt das? Was Kinder zum Spielen brauchen ist einfach zusammengefasst: Raum, Material und andere Kinder.

 

Spiel schön!

In der Tat wurde Zeit zum Spielen und Platz zum Spielen weniger. Kinder laufen nicht mehr über die Wiesen oder durch den Wald und spielen mit dem, was sie gerade finden. Denn Wald und Wiesen wurden durch Wohnungen und Straßen ersetzt. Der Freiraum der Kinder wurde eingeschränkt – sie haben nur noch wenige Möglichkeiten, unbeobachtet zu spielen. Eltern sind heute schon gestresst, wenn ihr Kind Laden ausräumt oder sich an der Blumenerde vergreift, während sie 5 Minuten telefonieren. Das Kind alleine spielen lassen? Undenkbar! Es scheint, als würden Kindern zum „richtigen Spielen“ oder „schönen Spielen“ sogar Anleitung und Unterstützung brauchen. Wie oft korrigieren Eltern ihre Kinder in Spielgruppen, wenn sie nicht „schön spielen“ oder „richtig spielen“? Dabei ist doch das freie Spiel die Lebensform des Kindes!

 

Kinder brauchen das freie Spiel

Kinder lieben es auch nachzuahmen und im Alltag zu helfen – auch das nimmt ab. Sie werden weniger oft eingebunden, weil es mehr Zeit braucht und meist auch Unordnung hinterlässt. Gemeinsam mit dem Kind zu kochen oder den Haushalt zu machen ist anstrengender, als es alleine zu tun. Das halten viele Eltern heute nicht aus.

Wenn Kinder aber zu wenig Zeit für das freie Spiel bekommen und zu wenig Zeit zum Ausprobieren ihren motorischen Fähigkeiten, dann fehlen ihnen diese Ressourcen. Das sind dann jene Kinder, die sich mit 5 Jahren noch nicht einmal Socken anziehen können oder nicht wissen, wie sie den Reißverschluss ihrer Jacke schließen.

Beim freien Spiel entwickeln Kinder ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten, sie schulen ihre Sinne und ihre Muskeln. Sie lernen Konflikte auszutragen und zu spüren, was ein schöner und was ein blöder Moment für sie ist. Dabei erproben sie ihre Sprache und soziale Fähigkeiten, die sie für ihre Leben brauchen. Sie lernen zu führen und geführt zu werden.

kind überfördern

Von der Überförderung?

Damit ihr Kind möglichst selbständig wird, verplanen Eltern die Zeit ihrer Kinder mit Kursen. Sie gehen Turnen, ins Ballett, zum Musikunterricht, in den Chinesischkurs für Kinder ab 2. Hat das Kind daran Interesse verloren oder möchte es den Kurs nicht mehr besuchen, wird wieder gewechselt.

Kindern fehlt durch diese wenige Freizeit und Zeit für Langeweile auch die Zeit für das freie Spiel, in dem sie alles lernen, was sie brauchen. Es ist absurd, denn eigentlich wollen es die Eltern nur richtig machen und ihrem Kind alles bieten, nehmen ihm aber zugleich das, was es wirklich braucht. Stattdessen hetzen sie von einem Kurs zum nächsten und haben keine Zeit mehr für sich. Sie spielen 2 Monate Flöte, gehen 2 Monate turnen und probieren dann wieder etwas Neues aus. Was Kinder jedoch brauchen ist Beständigkeit und die Erfahrung, dass manchmal durchhalten wichtig ist. Natürlich nicht auf „Teufel komm raus“, aber wenn das Kind einen Kurs belegt (den es auch belegen möchte), dann soll es wissen, dass es diesen auch zu Ende machen muss.

 

Eltern müssen heute spielen lernen

Kinder lieben Fingerspiele, Reime, Kniereiter, Märchen – sie lieben die Wiederholung und brauchen nicht permanent neuen Input, um „ihren Horizont zu erweitern“. Nur was oft und viel wiederholt wird, bleibt auch im Gehirn. Kinder entwickeln regelrechte Wiederholungsticks und fordern dann „nochmal, nochmal“. Sie können davon gar nicht genug bekommen. Es braucht immerhin fast 50 Wiederholungen, bis etwas im Gehirn verankert ist und Spuren hinterlässt. Eltern müssen sich keine Sorgen machen, dass ihrem Kind langweilig wird – es braucht Wiederholungen!

 

Go with the flow

Kinder können ganz in einem Spiel versinken und vertieft sein. Sie schalten dann die Welt um sich herum aus und leben in einer Art „Parallelwelt“, ganz bei sich und auf ihr Spiel konzentriert. Auch Babys machen Spielpausen und verarbeiten dabei ihr Erlebtes. Nach außen wirkt es so, als würde sich das Baby langweilen und Eltern bieten dann sofort das nächste Spiel an. Dabei brauchen Kinder diese kleinen Pausen im Spiel. Es ist wichtig, das Kind dann nicht zu unterbrechen oder zu stören, sondern es bei sich zu lassen und weiterspielen zu lassen. Das intensive Spiel prägt auch die Konzentrationsfähigkeit, die es später einmal in der Schule braucht.

 

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