Baby krabbelt nicht: Was kann ich tun?

Krabbeln ist ein Meilenstein in der motorischen Entwicklung des Babys und die Vorstufe zum Sitzen und Laufen. Aber was, wenn ein Baby nicht krabbelt?

Ein Baby, das nicht krabbeln will, gibt es nicht

Laut Expertenmeinungen gibt es keine Kinder, die nicht krabbeln. Experten gehen davon aus, dass sich die Natur etwas dabei gedacht hat, eine Fortbewegungsmöglichkeit wie das Krabbeln eingerichtet zu haben. In der natürlichen Bewegungsentwicklung, die in jedem Kind veranlagt ist, kommt das Baby zum Krabbeln und ist ein entscheidender Schritt, damit sich das Baby aufsetzen kann. Die motorische Entwicklung ist in Schritten aufgebaut, die aufeinander aufbauen. Es sind mehrere Schritte und Kompetenzen notwendig, damit ein Kind am Ende laufen kann. Diese Entwicklung ist bei allen Babys auf der Welt gleich. So will es die Natur.

Krabbelt ein Baby also nicht, dann sehen Experten die Schuld bei den Eltern, die ihre Kinder zu früh hingesetzt haben und damit einen Entwicklungsschritt übersprungen. Als Grundlage für diese Annahme werden die Forschungen von der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler herangezogen, die festgestellt hat: Jedes Baby kann krabbeln – wenn es nicht schon vorher von den Eltern hingesetzt wurde. Oder versucht wurde, am Gras zu ziehen, damit es schneller wächst. Überspitzt formuliert.

 

Wann kann ein Kind frei sitzen?

„Das Kind kann frei sitzen, wenn es sich selbständig aufsetzt oder hinsetzt und selbständig ohne Hilfe oder Stütze sitzt und sich weder mit dem Rücken noch mit den Händen abstützen muss. Es kann sitzen, wenn es diese Position selbständig ändern und verlassen kann und beim Sitzen den Kopf, den Rumpf und die oberen Gliedmaßen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, frei bewegen kann. Das Kind kann nicht sitzen, solange es nur mit Hilfe Erwachsener oder mit Hilfe einer anderen Unterstützung wie z. B. Babystühlchen, Kissen oder dergleichen sitzend verharren kann und ohne diese Hilfe umkippen würde. Die genaue Bezeichnung dafür wäre: „Es bleibt gestützt in der Sitzposition“. Das Kind kann auch dann nicht sitzen, wenn es zwar ohne Hilfe und Stütze in der Sitzposition verharrt, aber sich nicht selbst aufsetzen oder niederlegen kann. Die genaue Bezeichnung dafür wäre: „Es verharrt in der Sitzposition“. [Pikler: Lasst mir Zeit, 2001]

Die Sache mit dem zu frühen Hinsetzen

Ein Baby kann erst dann sitzen, wenn es sich auch selbst in diese Position bringen kann. Wird ein Baby jedoch vorher hingesetzt, wird die natürliche motorische Entwicklung unterbrochen. Fehlhaltungen können eine langfristige Folge sein, wenn Babys zu früh hingesetzt werden.

Was die natürliche motorische Entwicklung so besonders macht ist die innere Motivation, die dahinter steckt und damit auch die Selbstwirksamkeit, die ein Baby erfährt, wenn es wieder etwas Neues gelernt hat. Übernehmen Eltern nun die Aufgabe des – oftmals quengelnden – Kindes, haben sie sich zwar ein paar Minuten Ruhe verschafft, denn das Baby ist von der neuen Perspektive und der Freiheit der Hände beeindruckt, doch genauso schnell ist es frustriert: Es hat noch gar keinen Plan, wie es aus dieser Lage wieder kontrolliert herauskommt.

Rollt das Spielzeug also weg, ist es wieder auf jemanden angewiesen, der es ihm bringt, denn alleine kommt es nicht hin. Es entsteht eine Abhängigkeit zwischen Eltern und Kind, die sich auf die Selbstwirksamkeit des Kindes negativ auswirkt. Wenn es seine Position ändern möchte, ist es darauf angewiesen, dass das jemand für es übernimmt. Die Begeisterung am eigenen Schaffen, die Belohnung für die Anstrengung, bleiben aus.

Ein weiterer Aspekt, warum das frühe Hinsetzen „schlecht“ ist, ist die Tatsache, dass dann neuronale Verbindungen nicht zustande kommen. Wenn wir zur Welt kommen sind in unserem Gehirn so viele Verknüpfungen zwischen Nervenzellen, die sich nur dann festigen, wenn sie auch regelmäßig gebraucht werden. Werden diese einzelnen Entwicklungsschritte übersprungen, lernt das Baby eine Bewegung nur unzureichend und hat im späteren Leben vielleicht Schwierigkeiten wenn es fällt oder nicht so schnell laufen kann wie andere Kinder. Nicht nur Muskeln und Gelenke werden also durch das frühe Hinsetzen überfordert, sondern auch das Gehirn, weil es nicht rekonstruieren kann, wie es nun in diese Position gekommen ist oder wieder rauskommen. So kippen Kinder öfters um und verletzen sich. Was machen Eltern? Das Kind absichern. Mit Kissen und Decken, damit es weich fällt.

Viele Kinder beginnen dann aus der Sitzposition ihre Weltentdeckungstour und beginnen, auf dem Po zu rutschen, indem sie ein Bein ausstrecken und wieder anziehen. So robbt es sich langsam vorwärts. Und überspringt dabei einen Entwicklungsschritt: Das Krabbeln.

Ist Tragen dann auch schlecht?

Ganz klar: Nein. Tragen tut Babys gut – darüber haben wir in einem anderen Artikel schon geschrieben. Das Tragen kann mit dem Hinsetzen nicht verglichen werden, denn durch das Tuch wird das Baby gehalten, gestützt und die Wirbelsäule wird entlastet. Übrigens: Kinder, die in „Tragekulturen“ aufwachsen, können früher sitzen, weil die dafür nötige Muskulatur früher stimuliert und ausgeprägt wird.

Und was ist mit Sitzen auf dem Schoß?

Wenn ein Baby beim Füttern auf dem Schoß eines Erwachsenen sitzt, dann muss es auch hier sein Gewicht nicht alleine übernehmen, sondern wird gestützt und gehalten. Ein Hochstuhl ist erst dann sinnvoll, wenn sich das Baby auch alleine hinsetzen kann. Sitzverkleinerer oder Sitzpolster ändern daran nichts, denn das Baby muss wieder sein Gewicht alleine übernehmen. Genauso ist es bei einem Fahrradsitz, der erst dann verwendet werden sollte, wenn das Kind alleine sitzen kann. Bei Fahrradanhängern gibt es die Möglichkeit, das Kind liegend zu transportieren.

Auch das Aufsetzen im Kinderwagen ist so ein Thema – zwar will das Kind schon viel sehen und hält die Liegeposition nicht mehr aus, es aber dann aufzusetzen wäre der falsche Weg: Es kann nicht umkippen, da es angeschnallt ist, doch es kann zusammensacken und sich selbst in keine andere Position bringen. Gerne wird dann der Vergleich mit dem Autositz gezogen, in dem das Kind auch aufrecht ist: Ja, aber es ist eine liegende Position, die durch die Krümmung für das Baby auch nicht gut ist. Daher ist ein Autositz kein geeigneter Ort, an dem ein Baby stundenlang sitzen sollte. Von Lauflernhilfen zum Hineinsetzen möchten wir gar nicht erst reden, die sind sogar lebensgefährlich für Kinder.

Medizinische Gründe für Nicht-Krabbler

Nicht nur das frühe Hinsetzen kann Grund dafür sein, dass ein Baby nicht krabbelt, es gibt auch medizinische Ursachen wie etwa

  • Eine Hals-Blockade
  • Probleme im Schulterbereich
  • Probleme im Beckenbereich
  • v.a.

Wenn du medizinische Gründe vermutest, dann sprich deinen Kinderarzt darauf an!

Was tun, wenn das Baby nicht krabbelt?

  • Reflektiere dein Verhalten
  • Beobachte die bisherige motorische Entwicklung: Hat dein Baby Schritte ausgelassen oder hast du vorgegriffen?
  • Krabbeln ist nur ein Teil der ganzen Entwicklung, die gesehen werden muss
  • Jedes Kind hat sein eigenes Tempo, vergiss das nicht! Kein Baby MUSS mit 10 Monaten krabbeln können
  • Ermutige dein Kind, das Krabbeln zu versuchen: Leg dich zu deinem Kind auf den Boden und spielt gemeinsam
  • Mach deinem Kind vor, wie das Krabbeln ausschaut!
  • Dem Baby viel Raum geben, sich am Boden zu entwickeln
  • Einen Osteopathen aufsuchen, um Spannungen oder Blockaden zu lösen
  • Der Handtuchtrick: Nimm ein großes Tuch und ziehe es längs unter dem Brustkorb deines Babys durch. Verknote nun die beiden Enden fest zusammen und hebe dein Baby leicht vom Boden hoch, sodass es mit den Füßen und Händen Kontakt zum Boden behält. Diese Übung kann ein Impuls sein, dass dein Baby zu krabbeln beginnt.
  • Schräge Ebenen, Luftmatratzen: Schräge Ebenen durch Keile oder Luftmatratzen mit Vertiefungen können auch ein Anreiz für Kinder sein, ihren Oberkörper abzustützen und so den ersten Schritt zum Krabbeln zu machen.

Am  besten bringst du dein Baby wieder in die Ausgangsposition am Rücken und ermögliche ihm, seine motorische Entwicklung schrittweise zu erleben.

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