Als der Winter im Land vorbeizog

Martin stand am Fenster und drückte sich die Nase an der Scheibe platt. Kein Schnee, weit und breit. Dabei hoffte er so sehnsüchtig darauf! In der Garage wartete seine neue Rodel, im Schrank hing der blitzblaue Schneeanzug, den er zu Weihnachten bekommen hatte. Wie gerne wollte er ihn anziehen, dazu die bunten Fäustlinge und die Zipfelmütze, und mit seinen Freunden den Hang hinunter sausen! Aber draußen war alles braun.
Seine Großmutter kam zu ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Es gibt keinen richtigen Winter mehr, heutzutage“, murmelte sie. „Wenn ich da an früher denke.“
Martin sah sie mit großen Augen an. Sie hatte ihm schon oft davon erzählt, doch er konnte nicht genug bekommen von ihren Geschichten. „Erzähl mir, wie es früher im Winter war“, bat er. Seine Großmutter ließ sich nicht lange bitten. „Wir hatten den ganzen Winter über Schnee, von November bis in den März hinein“, erinnerte sie sich. „Viel Schnee, so viel, wie du dir gar nicht vorstellen kannst. Manchmal sind wir bis zum Bauch darin versunken! Gleich nach der Schule sind wir mit unseren Schlitten raus zu den Hügeln, wir bauten Schneemänner oder gingen Eislaufen auf den zugefrorenen Teichen. Wenn wir dann am Abend mit roten Nasen nach Hause kamen, warteten schon leckere Bratäpfel auf uns. Die ganze Küche duftete danach, und nach Zimt und Vanillesoße. Ach, war das herrlich!“
Martin seufzte. Wenn er doch auch so einen Winter erleben könnte, mit Rodeln und Eislaufen und Schneemann bauen. Und mit heißen Bratäpfeln, Zimt und Vanillesoße. Er spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammen lief. Aber ohne richtig viel Schnee machte das alles keinen Spaß.
„Zeit, ins Bett zu gehen“, sagte Großmutter. Martin nickte und krabbelte unter die Decke.
Am nächsten Morgen glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Es schneite! Dicke, weiße Flocken fielen vom Himmel, so dicht, dass man nicht einmal bis zur Garage sehen konnte. Rasch sprang er aus dem Bett, schlüpfte in seinen blitzblauen Schneeanzug und sauste aus dem Haus. Seine Großmutter stand am Fenster und winkte ihm zu. Bald darauf durchzog der Duft nach Bratäpfeln das Haus.

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