Abstillen und Durchschlafen – hilft das?

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Abstillen und Durchschlafen – kann das unsere Lösung sein? Meine Tochter ist 9 Monate alt und vom nächtlichen Durchschlafen weit entfernt. Unser Kinderarzt sagt, wir sollen ihr das alleine Einschlafen beibringen und sie nachts nicht mehr stillen. Was haltet ihr davon und könnt ihr mir da ein paar Tipps zum Abstillen geben? Besten Dank und liebe Grüße!


Hallo,

man liest und hört oft, dass Babys mit 6 Monaten durchschlafen können und es gibt sicher Babys, die das schaffen. Das bedeutet keinesfalls, dass sie nachts nicht aufwachen, es bedeutet nur, dass sie selbst wieder in die nächste Schlafphase finden oder sich einfach nicht melden. Diese Babys sind aber eher die Ausnahme.

Abstillen und Durchschlafen: Das sagt die Natur

Abstillen und Durchschlafen – das sind zwei Dinge, die sich Eltern immer wieder wünschen, die aber in unseren Babys noch ganz anders angelegt sind. Es ist von der Natur jedoch nicht vorgesehen, dass ein Baby oder ein Kleinkind alleine schläft bzw. durchschläft. Auch mit 9 Monaten nicht. Abstillen und Durchschlafen hängt keineswegs immer zusammen – auch, wenn es sich schon fast nach einem Geheimrezept anhört. Deine Tochter wird dann durchschlafen, wenn sie reif genug dafür ist. Das bedeutet keinesfalls, dass du die nächsten Jahre noch dein Kind nachts stillen musst, wahrscheinlich wird es schneller vorbei sein, als du dir vorstellen kannst.

Das Problem ist eher, dass das natürliche Verhalten unserer Kinder nicht zur aktuellen Zeitströmung passt und so versuchen wir, mit Schlaflernprogrammen unsere Babys einer Norm anzupassen. Genau in diese Richtung geht auch der Tipp deines Kinderarztes wenn ich das richtig verstanden habe. Du sollst deinem Kind beibringen, alleine einzuschlafen. Abstillen und Durchschlafen – so einfach ist es aber nicht. Dabei ist es seit Jahrtausenden in der Menschheitsgeschichte üblich, dass Babys nicht alleine einschlafen. Von unseren Babys, die so unreif geboren werden erwarten wir, dass sie sich unkompliziert wach ins Bett legen lassen und alleine einschlafen können – was übrigens neurologisch eine enorme Leistung ist!

Einschlafen an der Brust oder mit Körperkontakt – also so, wie es das natürliche Verhalten des Babys ist – wird verurteilt oder als eine schlechte Angewohnheit dargestellt. Dabei waren und sind Mütter die besten Einschlafhilfen. Wenn deine Tochter an deiner Brust saugt, dann bekommt sie dort alles, was sie für einen ruhigen Schlaf braucht: Sie bekommt Nahrung, Sicherheit, Geborgenheit und Entspannung. Nur wenn dein Baby sich in Sicherheit fühlt, kann es auch einschlafen, denn Schlafen bedeutet für dein Baby in erster Linie schutzlos zu sein. Und nur wenn dein Baby sich sicher fühlt, kann es entspannen – unter Anspannung kann kein Baby einschlafen. Manche Babys brauchen mehr Sicherheit, andere Babys weniger. Aber: Es verwächst sich von ganz alleine. Abstillen und Durchschlafen hängt also nicht immer zusammen.

9 Monate: Abstillen und Durchschlafen – hilft das?

Ja, es kann sein. Es kann sein, dass Abstillen und Durchschlafen bei euch zusammenhängen. Es muss aber nicht so sein. Was deine Tochter vor allem braucht: Zeit zum Reifen, Zeit zum Wachsen. Vielleicht, wenn es für dich passt, schenkst du ihr einfach noch ein wenig Zeit und gestattest ihr, so zu sein, wie sie ist. Ich kann verstehen, dass unruhige Nächte furchtbar anstrengend sind. Denn ich kann mich daran selbst noch gut erinnern, wie es bei meinen Kindern war. Aber dennoch: Diese Nächte sind normal und gehen vorbei. Wann, das kann ich leider nicht sagen. Aber sie gehen wirklich vorbei. Bis dahin schau, ob du den Alltag so gestalten kannst, dass noch Zeit für dich bleibt und du dich vielleicht kurz untertags hinlegen kannst.

Abstillen und Durchschlafen: Was tut sich mit neun Monaten?

Deine Tochter ist jetzt neun Monate alt und damit in der Hochzeit der motorischen Entwicklung. In dieser Phase erlebt deine Tochter so vieles, was dann in der Nacht verarbeitet werden muss. Damit sie dieser Herausforderung gewachsen ist  braucht sie die Bestätigung und die Rückversicherung, dass du da bist. Und sie braucht die beruhigende Milch, um zu wachsen und zu lernen. Nachts ist das Hirn deiner Tochter aktiver als untertags. Wenn sie sich nun nachts oft meldet, dann ist das kein Rückschritt, es ist kein Versagen von dir, sondern es zeigt, dass sich deine Tochter weiterentwickelt. Ich würde aus diesem Grund nicht abstillen, weil es absolut keine Garantie ist, dass deine Tochter dann durchschlafen wird.

Für mich ist immer wichtig, dass du für euch nichts zu einem Problem machst, das derzeit keines ist. Wenn du also gut mit der Situation zurechtkommst und dich der Rat des Kinderarztes nun verunsichert hat, dann lass es bleiben und mach weiter wie bisher. Mach nichts zu einem Problem aus Angst, du könntest dein Kind verwöhnen oder ihm etwas angewöhnen, das du später nicht mehr loswirst. Wenn es für dich in z.B. 6 Monaten ein Problem ist, dass deine Tochter noch nicht durchschläft, dann reicht es, in 6 Monaten hinzuschauen und zu überlegen, was du machen kannst. Wenn du etwas ändern möchtest, wenn du spürst, du kannst nicht mehr, dann ist es gut, wenn du auf dein Bedürfnis eingehst, aber dennoch auch die Bedürfnisse deines Kindes nicht ignorierst.

Eine stillfreie Zeit vereinbaren

Es geht darum, eine stillfreie Zeit einzuführen, also kein gänzliches Abstillen. Ob das funktioniert oder nicht hängt in erster Linie davon ab, ob deine Tochter schon dazu bereit ist, ein paar Stunden ohne Stillen zu verbringen. Als Ausgleich dazu ist dann wichtig, dass du deine Tochter sonst nach Bedarf stillst und viel im Tragetuch bei dir hast. Du erklärst deinem Kind also schon untertags, dass sich in der Nacht etwas ändern wird und überlegst dir ein Signal, wie etwa einen Wecker, damit dein Kind erkennt, wann es gestillt werden kann. Den Wecker kannst du dann jeden Tag 15 Minuten nach hinten programmieren, sodass die stillfreie Zeit länger wird. Erkläre deiner Tochter also, dass sie erst wieder gestillt wird, wenn der Wecker läutet.

Abstillen und Durchschlafen: Protest

Rechne damit, dass sich deine Tochter beschweren wird, dass sie nicht trinken darf. Dann tröste sie, sprich liebevoll und beruhigend mit ihr und gestehe ihr zu, sauer und wütend zu sein. Bleib aber konsequent beim Nein, bis das vereinbare Signal, etwa der Wecker, klingelt. Dann biete deiner Tochter von dir aus die Brust an – sie lernt dadurch, dass sie sich auf dein Wort verlassen kann. Als Alternative kannst du ihr nachts auch einen Schnuller oder einen Schluck Wasser anbieten aber sei nicht überrascht, wenn sie diesen verschmäht.

Ich muss dazu sagen, dass die ersten Nächte anstrengend und laut sein werden. Dein Kind muss sich erst an die neuen Spielregeln gewöhnen und mit 9 Monaten ist sie noch sehr jung. Je älter sie wird, desto einfacher wird es. Beobachte deine Tochter, wie es ihr mit der Umstellung geht: Ist sie tagsüber extrem anhänglich, sperrt sie sich über mehrere Tage hinweg gegen die stillfreie Zeit oder zeigt sie sogar Hautreaktionen, dann ist es noch zu früh und du solltest den Zeitpunkt verschiebe.

Was du noch versuchen kannst:

  • Das Stillen auf den Tag zu verlagern: Deine Tochter ist womöglich so viel damit beschäftigt die Welt zu erkunden, dass sie die ein oder andere Mahlzeit einfach vergessen wird. Milch ist und bleibt die Hauptnahrungsquelle im ersten Lebensjahr. Wenn der Bedarf untertags nicht gedeckt wird, dann holt sich dein Kind nachts was es braucht. Achte daher darauf, untertags immer wieder eine Stillmahlzeit einzulegen. Biete deiner Tochter immer wieder die Brust zwischendurch an – auch, wenn sie gerade nicht danach verlangt. Wenn du Glück hast, reduziert sich dadurch die nächtliche Stillfrequenz.
  • Aufmerksamkeit steigern: Stillen ist ja nicht nur Nahrung, es ist ja auch Nähe, Liebe und Geborgenheit. Auch den Körperkontakt, der bei mobilen Kindern tagsüber weniger wird, holen sie sich dann nachts. Vielleicht schaust du, dass du sie untertags mehr trägst und ihr mehr Nähe schenkst, damit sie nachts nicht alles aufholen muss. Wenn der Tank tagsüber gut gefüllt ist, dann muss sie sich nachts davon weniger holen.
  • Distanz zwischen Brust und Baby: Dein Baby riecht die Milch bei dir und findet die Brustwarze im Schlaf verlässlich. Wenn du das nächtliche Stillen reduzieren möchtest, dann schau darauf, dass nicht die Brust nackt neben deinem Baby liegt, sondern bedecke sie mit einem Shirt oder einer Decke. Für dich bedeutet das, dass du wach bleiben musst, bis die Stillmahlzeit vorbei ist. Ich bin immer eingeschlummert nach dem Andocken und mein Baby hat sich selbst bedient. Mehr Distanz schaffst du, wenn dein Baby im Beistellbett liegt, du dich wegdrehst oder ein wenig wegrutschst.
  • Einschlafen ohne Stillen: Wahrscheinlich ist auch für deine Tochter das Einschlafen mit der Brustwarze im Mund verbunden. Es ist auch die natürlichste und einfachste Art, ein Kind zum Schlafen zu bringen, indem du es einfach in den Schlaf stillst. Wacht dein Baby dann auf und findet es eine andere Situation vor, dann möchte es wieder die Sicherheit spüren und ruft nach dir. Versuche, kurz bevor dein Kind einschläft, sie von der Brust zu lösen. Sie wird dann aufwachen, sich ärgern, aber weil sie ja schon müde ist, schnell wieder an der Brust einschlafen. Sobald sie wieder kurz vorm Einschlafen ist, löse sie sanft ab. Irgendwann wird sie so schläfrig sein, dass sie auch ohne Brustwarze im Mund weiterschläft und dann vielleicht auch von einer Schlafphase in die nächste kommt, ohne auf deine Hilfe angewiesen zu sein. Vielleicht wacht sie dann nur noch dann auf, wenn sie wirklich Hunger hat. Auch nachts ist es dann wichtig, beim Stillen wach zu bleiben und sie immer wieder sanft zu lösen.
  • Einschlafen durch Tragen: Wenn es mit dem sanften Ablösen nicht klappt – und das kann sein – dann versuche, dein Kind in den Schlaf zu tragen. Dazu einfach deine müde Tochter in die Trage setzen und mit ihr spazieren. Das kann auch der Papa machen, denn dann ist sie wirklich komplett von der Brust entkoppelt und riecht den verführerischen Duft nicht einmal. So lernt deine Tochter ohne Brust einzuschlafen, aber muss nicht auf Nähe verzichten.

Wenn du das Gefühl hast, jetzt ist Schluss und du das Gefühl hast, dein Kind ist so weit, dann probier es aus. Versuche, das nächtliche Stillen zu reduzieren oder dir eine stillfreie Zeit zu gönnen. Die Nächte werden im ersten Schritt anstrengend(er), aber viele Kinder schlafen danach wirklich besser. Ich möchte dich noch bitten, von Schlaflernprogrammen Abstand zu nehmen. Bevor du aus Verzweiflung dein Kind schreien lässt, probier es mit einer sanften Methode. Aber wirklich nur, wenn du dir eine Änderung wünschst. Was dein Kinderarzt sagt und rät, muss nicht zu euch passen. Wir haben zu den Schlaflernprogrammen schon einen ausführlichen Artikel geschrieben. Wenn du möchtest, dann lies hier zum Thema weiter:

Kein Schlaflernprogramm ist bedürfnisorientiert!

Interview mit Dr. Renz-Polster: Das passiert, wenn du dein Baby schreien lässt

6 sinnvolle Dinge, die Babys beim Einschlafen helfen

 

Ich wünsche dir gute Nächte und hoffe, unsere Tipps haben dir ein bisschen geholfen.

 

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